Die Jünger des Todes

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ACHTUNG:

In dieser Geschichte gibt es leider einen logischen Fehler, Kasimir und Doria duzen ihren Vater am Anfang, sprechen ihn aber am Ende mit „Sie“ an. Denkt euch einfach ein durchgehendes „Sie“.

 

Prolog

 

Langsam senkte sich die schwarze Dunkelheit über das Schloss und das umliegende Gelände.

Angus legte das Buch weg, das er gerade abschrieb. Dann ging er andächtig zu einem Wandteppich und schob ihn beiseite. Er nahm das Buch heraus. Es war in schwarzes Leder gebunden und vorne war ein Drudenfuß eingeritzt.

Angus legte es mit einem seltsamen Lächeln zurück. Dann griff er nach dem Pergament. Dort stand:

 

Jener, der das Buch findet, wird ihn rufen.

Das schwarze Buch verleiht ihm die Magie, den Tod zu finden.

In der endlosen Nacht ohne Mond am Grabe eines Henkers wird er Unsterblichkeit erlangen.

Jedoch können zwei ungleiche Gleiche ihn...

 

Hier endete die Schrift plötzlich. Sie war einfach zerrissen worden.

Doch das, was zu lesen war, reichte Angus. Er war der Überzeugung, dass seine Gedanken richtig waren. Dann schob er den Wandteppich wieder vor das Fach in der Wand.

Es schlug elf. Der Bibliothekar huschte leise und flink an der Wand entlang.

Auf dem Friedhof stellte er sich aufrecht vor das Grab von Bernward, dem letzten Henker der Stadt.

Er sprach die ersten Zeilen aus dem schwarzen Buch. Langsam wurde er immer und immer lauter, bis er fast schrie:

Ich beschwöre dich herbei, Richter über Leben und Tod! Ich rufe dich herbei, Richter über Leben und Tod!“

Plötzlich trat aus der Dunkelheit eine vermummte Gestalt hervor. Angus kniete nieder. Die Sense, auf die sich der Tod stützte, blitzte in Angus Augen.

Ich ward gerufen?“

Angus nickte.

Nun denn, tun wir das, was geschrieben steht. Seid Ihr sicher, dass Ihr es tun wollt?“

Angus nickte erneut.

Ihr werdet unsterblich sein. Doch Ihr müsst mir mehr bringen als ich verliere!“

Angus nickte zum dritten Mal.

Der Sensenmann sog dessen Atem ein. Dann ging er durch ihn hindurch und verschwand in der Dunkelheit.

 

 

 

 

Kapitel 1 (Das schwarze Buch)

 

Wütend lief sie in ihr Gemach.

Dort saß schon ihr Zwillingsbruder Kasimir in einem Sessel und sah sie an.

Mutter meint wieder, ich darf mich nicht so viel in den ritterlichen Tugenden üben, sondern soll anstelle dessen unser königliches Wappen sticken, sodass ich es später richtig kann!“, erklärte Doria ihm, „was würde ich alles dafür tun, um ein einfaches Mädchen vom Lande zu sein!“

Kasimir lächelte.

Wollen wir in die Bibliothek gehen? Du weißt ja schon, wie ich es meine.“

Sie nickte und nahm ihren Bruder bei der Hand. Er führte sie in den Gemeinschaftsraum der königlichen Familie. Hier konnte man zusammen musizieren, sich im Winter am Feuer wärmen, miteinander reden oder Schach spielen.

Dort in der Ecke stand ein schwerer Schrank aus Eichenholz.

Kasimir schob ihn mit seiner Schwester beiseite. Hinter diesem Schrank lag eine alte, hölzerne Tür verborgen.

Doria legte ihre Hand auf den kühlen Riegel. Sanft zog sie ihn zurück und die Tür ging lautlos auf.

Kasimir betrat nach seiner Schwester den Gang. Dieser war feucht und die Luft war kalt und roch modrig, doch bald wurde er immer trockener und wärmer. Die Wände wurden zu trockenen Wänden mit Bemalungen.

Doria und Kasimir standen nun hinter einem Wandteppich.

Sie erspähten niemanden, noch nicht einmal Angus, den unheimlichen Bibliothekar, der meistens dort umher schlich.

Die Geschwister huschten hinter dem Teppich hervor. Angus war nicht zu sehen.

Doria liebte die Bibliothek, so wie sie das Reiten, Schwimmen und Klettern liebte. Sie war einfach nicht dazu geboren, brav zu sticken und sich stundenlang zu frisieren.

Doria und Kasimir gingen zu einer bestimmten Abteilung. Dort gab es viele Bücher über ihre Ahnen. Die Geschwister hatten vor, einen ganzen Stammbaum ihrer Adelsfamilie aufzuzeichnen.

Sie gingen zu einem großen Lesepult. Dort lag noch das Buch vom vorigen Tag.

Zusammen setzten sie sich und blätterten in dem Buch. Doch auf einmal fiel ein Pergamentschnipsel zu Boden.

Kasimir hob ihn auf.

Darauf stand:

 

...durch ihren Mut und Zusammenhalt ins Verderben führen.

 

Der Prinz las Doria den halben Satz leise vor. Sie suchten gemeinsam nach einer Stelle im Buch, aus der der Zettel herausgefallen sein könnte, doch alle Seiten waren sorgfältig beschrieben worden und nirgends fehlte etwas.

Schließlich ging Doria mit ihrem Bruder zu Angus.

Angus, gibt es hier auch Bücher mit losen Seiten?“, fragte sie ihn.

Angus war der Bibliothekar und er war schon immer da gewesen, seit sie die Bibliothek das erste Mal betreten hatten. Er hatte schütteres, graues Haar, welches glatt war und ihm bis über die Ohren wuchs, aber nicht seine Schulter berührte. Sein Gesicht war faltig und eingefallen, sodass die Wangenknochen hervorstanden. Er trug eine Mischung aus Spitz- und Vollbart. Angus sah irgendwie alt und ehrwürdig aus, doch wegen seines hämischen Blickes konnte man ihn nicht weise oder gar respektvoll nennen.

Der Bibliothekar sagte über einige Bücher gebeugt: „Sicher, gibt es.“

Und gibt es auch Seiten, wo etwas mitten im Satz fehlt?“, fragte sie weiter. „So wie hier zum Beispiel?“

Sie zeigte Angus den kleinen Zettel. Er entriss ihr ihn. Als Angus den Zettel las, zitterten seine bleichen und faltigen Hände.

Dasbehalte ich lieber, Eure königliche Hoheit, der Prinz, Eure königliche Hoheit, die Prinzessin. Es ist ... schließlich aus einem Buch herausgerissen worden und ich muss mich hier um die Bücher kümmern“, sagte er aufgeregt, versuchte dabei aber die Aufregung geschickt zu überspielen.

Die beiden sahen Angus verwundert an. Dann gingen sie fort und arbeiteten an ihrem Stammbaum weiter.

 

~*~*~

 

Kasimir schob den Wandteppich beiseite: „Schnell, Angus ist nicht da.“

Doria huschte in den Gang, hinter ihr war Kasimir. Es war sehr dunkel und sie mussten sich an der Wand entlang tasten.

Kasimir spürte das kühle Gestein. Er setzte eine Hand nach der anderen auf. Plötzlich griff er ins Leere.

Er ertastete ein Fach in der Wand.

Ein Pergament raschelte.

Neugierig nahm er es heraus und ging mit Doria weiter.

 

 

Jener, der das Buch findet, wird ihn rufen.

Das schwarze Buch verleiht ihm die Magie den Tod zu finden.

In der endlosen Nacht ohne Mond am Grabe eines Henkers wird er Unsterblichkeit erlangen.

Jedoch können zwei ungleiche Gleiche ihn...?“, las er ihr vor.

Ihn? Geht es denn nicht weiter?“, erkundigte sich Doria.

Kasimir schüttelte den Kopf.

Vielleicht... Ach nein, das würde keinen Sinn machen“, setzte Doria an.

Bitte, sage es mir!“, forderte Kasimir.

Es könnte doch sein, dass der Schnipsel zu dem Pergament passt?!“, schlug Doria vor. Kasimir überlegte.

Doch Doria, das macht Sinn!

Jedoch können zwei ungleiche Gleiche ihn ... durch ihren Mut und Zusammenhalt ins Verderben führen.

Nur was soll das bedeuten?“

Sie überlegten beide, dabei schaute jeder in eine andere Richtung, was sehr lustig aussah.

Doria sah mit ihren grauen Augen, in denen grüne Tupfer waren nach rechts - aus dem Fenster. Ihr lockiges dunkelbraunes Haar hatte sie hochgesteckt, sodass an ihrem Hinterkopf ein Pferdeschwanz voll lustiger, dunkelbrauner Locken baumelte.

Sie trug eine hellblaue Seidentunika, mit hellgrünem und goldenem Zwirn war am Saum ein schönes Muster gestickt worden, die Knöpfe waren aus Jade. Der Gürtel war ebenfalls aus goldenen Fäden gewebt. Ihre Hose war weiß und aus Leinen. Die Krone und einen farblich passenden Umhang trug sie heute nicht, beides trug sie nur bei besonderen Anlässen.

Kasimir schaute mit seinen grünen Augen mit grauen Sprenkeln nach links - zur Tür. Sein Haar war dunkelbraun, seidig und schulterlang. Unten drehten sich die Spitzen nach innen. Seine goldene Krone trug er anders als seine Schwester.

Auch er war mit einer seidenen Tunika bekleidet, seine war jedoch purpurrot und der Saum wurde mit einem Muster aus Gold- und Silberfäden verziert. Es gab auch nur wenige Knöpfe, die bei ihm allerdings aus Onyx-Steinen waren. Sein Gürtel war auch wie bei Doria mit Goldfäden gewebt worden, die Hose, die er trug, war dunkelblau. Kasimir hatte einen Umhang um, er war - so wie die Hose - blau.

Weißt du, Schwesterherz, womöglich halten wir hier eine Prophezeiung in den Händen. Ich möchte nur wissen, was sie prophezeit“, äußerte der Prinz sich.

 

 

Es war ganz dunkel. Kasimir war sicher, dass Doria schlief.

Der Prinz schlich sich langsam an der Küche vorbei, an den vielen Kammern der großen Dienerschaft. Endlich war er am Gemeinschaftsraum angekommen. Dort schob Kasimir vorsichtig und leise den Schrank zur Seite.

Er öffnete lautlos die Tür hinter dem Schrank, dann tastete er sich vorsichtig an der Wand entlang.

Aber plötzlich stolperte er. Der erschreckende Laut des Aufpralls hallte noch für eine lange Zeit durch den Gang.

Hatte ihn irgendjemand gehört?

Er blieb noch einige Momente auf dem Boden liegen, als Kasimir dann nichts hörte, tastete er sich weiter an der Wand entlang.

Er fühlte das Fach. Leise legte er das Pergament wieder zurück.

Dann kehrte er um, aber schließlich sah er doch noch einmal zum Wandteppich. Kasimir hob ihn an und sah in die Bibliothek.

An einem Lesepult saß Angus.

Angus sagte nichts.

Er polierte stumm einen Dolch. Er sah auf seine Hände, die den Dolch hielten und es war so leise, dass Kasimir nicht zu atmen wagte.

Es war unheimlich still. Nicht einmal Angus Atem war zuhören.

Aber plötzlich war Kasimir sich nicht mehr so sicher, ob er Angus je einmal atmen gehört hatte.

Wie lange war Angus denn hier im Schloss schon Bibliothekar?

Lebte Angus denn überhaupt?

 

 

 

 

Kapitel 2 (Das Abkommen)

 

Kasimir verschwand leise. Da hörte er ein Geräusch. Er wusste noch nicht, was es war, als sich Angus Schritte schon langsam näherten. Laufend versuchte Kasimir sich zu entfernen. Anfangs ging er nur schnell, doch schon bald rannte er. Es kam ihm so vor, als ob Angus ihn durch den Wandteppich beobachtete.

Er hatte Angst.

Als Kasimir die Tür erreichte, schloss er sie schnell. Er schob den Schrank zurück.

Doch was war das im Dunkeln?

Eine vermummte Gestalt?!

Die Angst drang an Kasimirs Bett. Er drehte sich etliche Male unter der Bettdecke, bis er endlich, wenn auch schlecht, einschlief.

 

~*~*~

 

Angus war unsicher. Waren dort etwa Schritte gewesen? Nein. Er sah in den Gang. Niemand. Wie sollte denn auch dieser dumme Prinzenjunge je von dem Gang erfahren haben?

Während sich Angus auf geheimen Wegen aus der Burg schlich, folgte ihm jemand. Hinter den Burgtoren blieb Angus stehen.

Als ihm jemand entgegen kam, sagte er ehrfürchtig: „Seid gegrüßt, ewiger Gevatter!“

 

 

Der Knochenmann schritt neben Angus einher. Es war unheimlich.

Und diese Nacht?“, fragte Angus.

In der Stadt hat jemand die Pest, dessen Seele hole ich zu mir. Und auf dem Land gibt es jemanden mit einer Blutvergiftung. Außerdem ist da noch dieses Mädchen mit der Lungenentzündung. Sie hatte ihre Chance doch sie ist nicht gesund geworden... Nun ja, ich werde sie erlösen müssen. Und die Kuh auf dem Hof von diesem reichen Gutsherrn ist auch schon zu alt. Auch wenn es seine beste Milchkuh ist, sie ist ist schon so alt. Alles hat einmal ein Ende“, erklärte der Tod.

Angus nahm seinen Dolch heraus und fuhr über die blanke Klinge aus Bergkristall.

 

 

Zuerst erreichten sie den Hof, wo jemand unter Blutvergiftung litt.

Es tat Angus fast schon leid. Doch dann dachte er an die Worte des Todes. Er gab ihm mehr als er verlor. Ehrfurcht ihm gegenüber und Treue waren das erste Gebot.

Er half, tat seinen Dienst.

Dafür erhielt er Unsterblichkeit. Keine Angst vor dem Sterben haben zu müssen, war ein guter Lohn.

Unsterblichkeit, Gehilfe des Todes.

Ich möchte sehen, wie Ihr eure Arbeit verrichtet“, forderte der Gevatter ihn auf.

Angus nickte und verbeugte sich unterwürfig. Dann zog er den Dolch mit der Kristallklinge hervor.

Dieser Dolch war Werk des Todes. Der Griff war aus glänzendem Ebenholz und es war ein Rabe eingraviert. Auf der Klinge stand in einer fremden Schrift:

 

Ich werde euch unterwürfig sein, zu jeder Zeit, Gevatter.

Ich halte mich an das Abkommen, Gevatter.

Ich töte in eurem Namen, Gevatter.

 

Wer durch diesen Dolch umkam, verspürte im Sterben keinen Schmerz. Er gab seine Seele dem Tod und der Unendlichkeit in die Hände. Doch was dann kommt, weiß nur der Hüter der Seelen, der Tod.

Angus schritt durch das Zimmer auf das Lager aus Stroh zu.

Dort lag ein Junge von siebzehn Jahren. Er war der Stolz seiner Familie und wollte den Hof übernehmen.

Bisher hatte Angus immer zugesehen, wie sich der Tod alle zu eigen machte, er hatte bisher keine Gefühle verspürt. Als er aber den Jungen dort liegen sah, mit dem verfärbten Schnitt in der Handinnenfläche, verspürte er Mitleid. Angus nahm der Familie ihren Sohn.

Doch er wollte seinem Herrn gehorchen.

Langsam führte die Klinge bis zur Brust des Jünglings. Angus zögerte.

In diesem Moment wachte der Junge auf; entsetzt starrte er Angus an. Dann nickte er. Angus spürte nun auch den Schmerz in dessen Hand. Der Junge wollte wegen genau diesem Schmerz schreien, doch wenige Sekunden zuvor hatte der Dolch seine Seele erlöst.

Statt des gequälten Schreis, entschwebte seine Seele lautlos.

Danke!“, flüsterte die Seele. „Danke. Für meine Eltern tut es mir leid, doch danke, dass ich von diesem Schmerz erlöst wurde.“ Und der Junge verschwand.

Das Blut des leblosen Körpers floss in die Kerben der Buchstaben im Dolch. Angus zog ihn aus der Brust; die Wunde verheilte sofort.

Das Abkommen war nun geschlossen.

 

 

 

 

Kapitel 3 (Angus)

 

Ihr habt gezögert, Angus. Weshalb?“, fragte der Schnitter.

Angus murmelte etwas von Gefühlen.

Ihr seid kein Mensch, Angus. Ihr habt nicht zu zögern!“

Gevatter, ich empfand Mitleid. Seine Familie...“, versuchte Angus zu erklären.

Der Tod und der Unterwürfige gingen durch die Gassen der Stadt.

Hört mir zu, Angus. Ihr seid unsterblich. Ihr erlöst Leidende. Ihr habt eine Aufgabe. Ich bin Euer Herr und Meister. Eure Aufgabe ist es, dem Leiden anderer ein Ende zu bereiten. Der Schmerz im Augenblick zählt. Den Schmerz, der durch den Verlust entsteht, kann man nicht viel beachten. Früher oder später treffen sich alle wieder“, meinte der Knochenmann.

Gevatter, wo treffen sie sich wieder?“

Das weiß nur ich, Ihr werdet dort jedoch nie ohne mich sein. Euer Reich ist die Erde. Ihr seht die Generationen, ich hüte sie.“

 

~*~*~

 

Schwer atmend griff Kasimir nach der Kerze auf seinem Nachttisch.

Er zündete sie an.

Der kleine Lichtschein der Kerze beruhigte ihn schon.

Kasimir hatte von Angus geträumt. Dass er jemanden umgebracht hatte. Er hatte gesehen, wie der Dolch in den Körper des Jungen eingedrungen war, wie der hilflose Junge starb und leblos auf dem Stroh liegen blieb.

Kasimir stand auf. Er war unruhig. Mit dem Kerzenleuchter in der Hand stand er in seiner Kammer.

Ich werde zu Doria gehen“, überlegte er.

Er öffnete die Tür und trat hinaus auf den Gang. Er durchquerte den Westflügel der Burg und kam schließlich bei Dorias Kemenate an.

 

~*~*~

 

Es klopfte.

Es war ein zartes, leises Klopfen.

Durch dieses Klopfen wachte Doria auf.

Doria?“

Wer bist du?“

Ich bin es!“

Was für ein ich?“

Ach Doria, komm schon, mach mir auf! Bei mir ist es so einsam und unheimlich...“, bettelte die Stimme.

Da erkannte sie ihren Bruder. Sie stand auf und schob den Riegel zurück.

Komm herein, du Hasenpfote!“, sagte sie.

Er kam herein und setzte sich auf ihr Bett. Lange Zeit schwiegen sie. Dann fragte Doria, warum Kasimir zu ihr gekommen war. Er erzählte von dem Traum. Doria sah ins Leere.

Wie alt schätzt du Angus?“

Siebenundneunzig?“, vermutete Doria. „Aber so alt kann man doch nicht sein, oder?“

Das ist jetzt einmal egal. Aber alte Menschen sind doch häufig krank, so wie unser Großonkel. War Angus jemals krank?“

Doria schüttelte den Kopf.

Hat er je gehustet?“

Sie schüttelte erneut den Kopf.

Und wenn man nicht hustet, atmet man auch nicht, oder?“

Du meinst doch nicht, dass...“

Pssst! Doch genau das meine ich!“

 

~*~*~

 

Leonhart konnte schon von weitem die lauten Schritte von Kasimir und Doria hören.

Nach einiger Zeit kamen sie - in Begleitung eines Wachpostens - zu ihm in den Thronsaal. Sie stellten sich auf den roten Teppich und Kasimir verbeugte sich. Doria machte einen Knicks.

Leonhart stand auf.

Er war ein großer Mann, hatte einen kleinen Spitzbart und etwas kürzeres Haar, es reichte ihm nur knapp über die Ohren. Seine Statur war kräftig, man sah ihm an, dass er sich sehr gut darin verstand, mit dem Schwert umzugehen. Er hatte lange Kieferknochen und einige wenige Sommersprossen auf den Wangen. Seine Augen waren rauchig grau und der König besaß einen Blick, bei dem man sofort merkte, dass er einen durchschaut hatte.

Meine beiden Lieblinge, was habt ihr auf dem Herzen?“

Die Krone rutschte ihm über die Augen und er konnte seine Kinder lachen hören.

Diese verdammte Krone!“, dachte er.

Warum war sein Vater auch ein solcher Dickschädel gewesen?

Wir wollten Sie etwas fragen, Vater...“, erklärte Doria zögernd.

Es war gerade erst hell geworden und Leonhart hörte, wie die höfische Gesellschaft langsam erwachte.

Er nickte: „Nur zu!“

Lange stotterte Kasimir herum, schließlich verstand der König die Frage:

Sie wollten wissen, wann der letzte Bibliothekar des Schlosses gelebt hatte. Es war eine ungewöhnliche Frage, aber er ließ sie zu.

Leonhart verstand dennoch erst nicht, was für die Zwillinge an dieser Frage so unangenehm war, und trotzdem schickte er die Wache - seinen Kinder zuliebe - hinaus. Er ging langsam zu den beiden, darauf achtend, dass ihm die Krone nicht wieder vor die Augen rutschte.

Also, der letzte Bibliothekar, den es hier gab, lebte zu Zeiten meinesUrgroßvaters. Er war sehr seltsam, verrichtete aber seine Arbeiten gut und schrieb sauber die wichtigsten Bücher ab. Doch eines Tages verschwand er ohne jegliche Spur. Von da an hat ihn niemals wieder jemand gesehen.“

Doria und Kasimir sahen sich verwundert an.

Als deren Vater darauf ratlos erst zu Doria und dann zu Kasimir sah, sagte sie: „Und danach gab es keinen weiteren, Vater?“

Doch, jeder Gelehrte blieb genau ein Jahr. Ein Jahr nach seinem ersten Arbeitstag starb er. So ging es mit allen Gelehrten, bis man schließlich beschloss die Bibliothek ohne Bibliothekar weiter zuführen.“

Kasimir und seine Schwester sahen sich sehr ratlos und schockiert an.

Der Ewige wusste nun, dass es fraglich war, ob Angus weiter Diener und Unsterblicher bleiben würde.

 

~*~*~

 

Doria war beunruhigt. Seither hatte man jeden Bibliothekar verloren. Der Letzte war zu Zeiten ihres Ururgroßvaters verschwunden. Der letzte Lebende.

Aber wer war dann Angus?

War er ein Bibliothekar oder war er überhaupt im Schoss angestellt?

Wer hatte ihnen denn gesagt, dass Angus Angus hieß?

Irgendwann musste sie es doch einmal erfahren haben. Aber wenn es keinen Bibliothekar gab, konnte er – logischerweise - auch keinen Namen haben.

Doch es gab jemanden!

Doria und Kasimir hatte ihn ja selbst schon oft nach Büchern über ihre Ahnen gefragt. Und doch gab es keinen Angus. Das klang so unwirklich.

Was hatte ihr Bruder gestern Nacht denn noch gesagt?

Es war etwas über Angus und sein Alter. Sie war zu müde gewesen, um sich alles zu merken.

Eines war klar:

Wie einem Pferd das Fliehen angeboren war oder einem Schwan das Schwimmen, so war es mit Angus Namen auch bei ihr und Kasimir.

Sie wussten es einfach.

 

 

 

Kapitel 4 (Die Jünger des Todes)

 

Der Platzregen durchnässte das Strohdach der Schankstube. Es war bereits dunkel und der Wind ließ das Licht in der Laterne vor der Stube flackern. Das Schild schaukelte noch wegen der letzten Böe, als schon der nächste Windstoß durch die Straße fegte. In diesem Moment klopfte es an der Tür.

Der Wirt öffnete.

Ein Mann trat ein. Er war komplett durchnässt und er tropfte von überall. Der Wirt bat ihn herein. Und als er die Tür schließen wollte, sah er den Gevatter draußen vorbei schreiten. Starr vor Schreck sah der Wirt hinaus in den Regen. Doch der Tod beachtete ihn nicht und bog im Schatten einiger Häuser in eine schmale Gasse ein.

In dieser Nacht starben zwei Menschen:

Einer als Opfer und Dank zu leben,

der andere starb durch den Dolch.

Der nasse Reisende jenes Abends hatte nie sein Ziel erreicht.

 

~*~*~

 

Als Nikolaus das Mädchen sah, wieherte er freudig. Sie führte ihn aus dem Stall und er ging mit ihr mit. Doria band ihr Pferd an den Pfahl. Nikolaus hätte ihn einfach herausziehen können, wenn er den Kopf nur hoch riss, doch er vertraute Doria und blieb ruhig stehen.

Doria bürstete ihren Wallach und kratzte ihm die Hufe aus, dann zäumte sie auf.

Nikolaus schluckte das Gebiss nicht gern und war sehr dankbar, dass Doria den Sattler um eine Trense mit Einwirkung auf das Nasenbein gebeten hatte.

Nikolaus sah nach Penelope, der Leitstute. Sie war das Pferd von Kasimir und sie war auch an einem Pfahl angebunden.

Der Wallach sah an ihren Ohren, dass sie sich auf den Ritt freute.

Doria band Nikolaus los und ihr Bruder tat es ihr nach. Sie stellte sich auf einen Holzklotz um aufzusteigen.

Nikolaus spürte die Wärme auf seinem Rücken, und Doria spürte die Wärme, die von ihrem Pferd ausging.

Doria ritt ohne Sattel, denn sie hasste den Damensitz.

Als Kasimir auch aufgesessen war, ritten die Geschwister zusammen durch den Wald auf eine Lichtung.

Dort hielten sie, und Kasimir gab Doria ein Holzschwert. Sie nahm es entgegen, dann zog sie ihr Kleid aus. Darunter hatte sie Männerkleider gezogen, das andere Gewand legte sie sorgfältig in eine Satteltasche an Kasimirs Sattel.

Gut, ich bin für den Kampf bereit! Lass uns beginnen!“, sagte sie.

Wenig später lief Nikolaus mutig auf Penelope zu.

Er wusste, dass alles nur Spiel war, doch er wusste auch, dass es irgendwann einmal nicht mehr Spiel war. Nur dann würde er neben Penelope laufen.

Doria kämpfte besser als ihr Bruder, obwohl sie eine Prinzessin war. Doch das war ihr egal.

Es war ihr auch egal, dass sie sämtliche Etiketten des Adels nicht beachtete und zahlreiche Regeln und Vorschriften brach.

Wenn sie auf Nikolaus ritt, fühlte sie sich aus dem Adelsstand freigesprochen.

 

~*~*~

 

Los, komm Penelope!“

Kasimir lachte mit seiner Schwester.

Aber plötzlich war die fröhliche und unbeschwerte Stimmung im Wald verflogen.

Der Himmel verdunkelte sich schlagartig und es blitzte.

Auf einmal flog ein großer Schwarm Krähen in einiger Entfernung auf und verschwand in den pechschwarzen Wolken.

Was war das?“, fragte Doria erschrocken.

Ein Schwarm Krähen...“, meinte Kasimir zu ihr.

Es blitzte und donnerte.

Erschrocken galoppierte Penelope los, gefolgt von Nikolaus. Es fing an zu hageln.

Dicke, schwere Körner prasselten auf und durch das sonst so feste Blätterdach des Waldes.

 

~*~*~

 

Angus folgte dem Mann schon seit einiger Zeit. Nachdem die Menschen aus dem Wirtshaus gesehen hatten, wie der Wirt den Reisenden umgebracht hatte, waren sie ihm gefolgt. Der Wirt führte sie alle auf den Feldwegen zu einem Bauernhof.

Dort zückte er ein Messer und rief: „Das ist ein Opfer für den Tod! Möge er es annehmen!“

Alle Menschen, die ihm gefolgt waren, schwärmten aus in die Nacht und nahmen dem Hof Stück für Stück das Leben.

Am Ende flog für jeden Mörder und jedes Opfer eine Krähe auf.

Angus wusste, dass die Krähe der Begleiter des Gevatters und ihm war.

Er ging auf den Wirt zu: „Guten Tag, Johann!“

Der Wirt sah Angus entsetzt an.

Ich bin Diener und Gehilfe des Todes. Ich habe gesehen, was du getan hast...“

Zitternd starrte Johann Angus an. Er hatte große Furcht.

Woher kannte er ihn?

Woher wusste er Johanns Namen?

...und damit hat sich die Bedingung erfüllt. Meister Gevatter hatte die Bedingung gestellt, dass ich ihm mehr geben muss, als er verliert. Von nun an gibt es die Jünger des Todes. Ich bin oberster Mann, doch du stehst für mich, wenn ich einmal meinen eigenen Geschäften nachgehe, über dir und über mir steht der Gevatter. Jedes Mal, wenn jemand stirbt, muss jemand Neues gefunden werden. Es dürfen niemals mehr als dreizehn sein - auch nicht weniger. Und falls du versuchst mich umzubringen – ich bin unsterblich.

Der Wirt sagte zittrig: „Ja, ich bin damit einverstanden - Meister Angus.“

Dann sagte Angus an die Menschen gewandt: „Stellt euch hier auf!“

Er ging zu ihnen, verband ihnen die Augen, zückte seinen Dolch und stach verschiedenen Leuten ins Herz, bis es nur noch elf - mit Johann zwölf und mit Angus dreizehn - waren.

Dann sagte er laut: „Gehet hin und tötet!

 

 

 

 

Kapitel 5 (Tote)

 

Nachdem es gewittert hatte, wollte Kasimir nicht erneut in den Wald, doch Doria wollte es umso mehr. Sie glaubte an einen Zusammenhang zwischen den Wolken und den Krähen.

Es musste so sein.

Warum sonst, sollte es an einem nahezu perfekten Frühherbsttag plötzlich gewittern?

Für Doria war es unvorstellbar.

Kasimir, wir müssen noch einmal in den Wald. Ich muss wissen, warumes geschehen ist. Ich kann es einfach nicht verstehen!“

Aber Doria! Ich will das nicht. Auch wenn das lachhaft ist: Ich hatte im Wald sehr viel Angst, als die Krähen da waren und es gewittert hat. Das war wirklich schlimm, Doria. Ich will nicht noch einmal dorthin!“, versuchte Kasimir seiner Schwester eindringlich zu erklären.

Doria sah Kasimir an und man konnte es an ihrer Mimik ablesen – sie suchte nach einem Weg, Kasimir zu überzeugen. Dann ging sie schließlich, mit einem Leuchten in ihren Augen.

Kasimir wusste nicht weiter.

Wo wollte seine Schwester denn jetzt hin?

Doria?“

Er lief hinter ihr her.

Doria ging durch einen Gang und trat schließlich hinaus auf den Hof. Sie beachtete ihren Bruder nicht.

Doria!? Wohin gehst du?“, fragte er.

Doch das musste Kasimir nicht mehr fragen:

Sie waren an den Stallungen angekommen und Doria putzte nun Nikolaus.

Kasimir sah ihr sehr verwundert zu: „Was willst du mit Nikolaus? Wohin reitest du?“

Doria beachtete ihn weiter nicht. Sie zog sich in der Sattelkammer Hemd und Hose an und versteckte ihr Kleid in der Truhe mit dem Hafer.

Sie stieg auf und sagte zu Kasimir: „Ich reite jetzt in den Wald...“

Nein, Doria, bitte!“, rief Kasimir dazwischen.

...denn wenn wir nicht wissen, warum es gewittert hat, können wir auch nicht wissen, ob es noch einmal passiert!“

Kasimir stand einige Zeit neben Doria. Er überlegte. Dann lief er zu Penelopes Stall und sattelte sie schnell.

Ich komme aber nur mit, weil du es bist, und weil dieses Gewitter unheimlich war und damit es nicht ein zweites Mal passiert!“, erklärte er seiner Zwillingsschwester, als er auf seiner Stute saß.

Dann ritten die Geschwister los.

 

 

Sie kamen auf die Lichtung, auf der sie letztes Mal gekämpft hatten. Diesmal hatte Kasimir nicht die Holzschwerter dabei.

Lange ritten die zwei um die Lichtung herum, in der Hoffnung die Krähen erneut zu sehen, doch Kasimir hoffte es nicht so sehr wie Doria. Eigentlich wünschte er sich, die Krähen nie wieder zu sehen.

Langsam überkam ihn Freude, da einfach nichts passierte. Er war nicht mehr so angespannt.

Doria war enttäuscht, denn sie wollte unbedingt die Ursache herausfinden und auch so lange und weit wie möglich von dem Schloss fern sein.

Nikolaus und Penelope grasten und ihre Reiter lagen müde auf deren Rücken. Das Mädchen beobachtete, wie sich die ersten bunten Blätter im leichten Wind wiegten. Sie zitterten erst nur leicht, doch der Wind zog und zerrte an ihnen, um sie den Bäumen zu entreißen.

Ein Baum fiel mit lautem Krachen um.

Ein Baum?!

Der Wind wehte nun heftig und erneut hörte man das Krachen eines umfallenden Baumes. Aber es war kein Baum.

Der Donner grollte laut, es blitzte und die Wolken wurden schwarz. Und nun flog ein kleiner Schwarm Krähen auf. Wenn Doria richtig gezählt hatte, waren es dreizehn.

 

~*~*~

 

Kasimir hatte große Angst. Sehr große Angst sogar, obwohl es für einen Prinzen peinlich war, sich bei einem Gewitter zu ängstigen.

Aber er wusste, dass es Penelope nicht anders ging. Die Stute stieg, in dem Moment, in dem es blitzte.

Kasimir machte sich so klein wie möglich.

Nikolaus tänzelte nur ein wenig unruhig hin und her, Doria saß gelassen auf seinem Rücken.

Wie konnte sie so etwas spannend finden?“, fragte sich Kasimir.

Interessiert beobachtete sie die Krähen, Kasimir tat dasselbe, nur eher entsetzt. Penelope stieg erneut.

Ruhig“, flüsterte er ihr zu, aber er war es doch selbst nicht.

Kasimir hatte einfach nur Angst.

Dann galoppierte Doria los, er folgte ihr entgeistert.

Doria!“, schrie er. „Komm zurück!“

 

~*~*~

 

Doch Doria dachte nicht daran umzukehren.

Aufgeregt trieb sie Nikolaus voran.

Er war auch so gespannt wie seine Reiterin, Nikolaus rannte, er galoppierte dorthin, wo Doria ihn hinbringen wollte.

Wieder rief ihr Bruder nach ihr. Doch Nikolaus trug Doria sicher zu den Krähen. Sie waren zwar nicht mehr da, aber wo sie empor geflogen waren, blitzte es stark.

Fast schien es so, als wollte der Himmel die Erde berühren.

Der Wallach hatte keine Angst. Er vertraute auf das Mädchen und sie zeigte auch keine Spur von Furcht.

Da blieb Nikolaus stehen. Erst verfiel er in einen leichten Trab, dann ging er in den Schritt und schließlich blieb er vor einem Bauernhof stehen.

Doria sprang von seinem Rücken.

Sie wartete mit ihrem Pferd auf Penelope und Kasimir.

Penelope kam angsterfüllt angerannt. Als sie neben Nikolaus stand, stieg sie. Schnell griff Doria nach den Zügeln.

Nikolaus ging zu ihr. Er blies seinen Atem in ihre Nüstern, damit wollte er sie begrüßen. Nikolaus Ruhe übertrug sich ein wenig auf Penelope und sie tänzelte nicht mehr. Doch ihr Kopf war erhoben und ihre Nüstern aufgebläht und sie stellte ihre Ohren auf. Sie war immer noch wachsam.

Zitternd stieg Kasimir ab. Doria sah ihm seine Furcht an. Er nahm Penelopes Zügel entgegen, aber er war nicht so ruhig wie seine Schwester und so wurde die Stute auch aufgeregter.

Das Beste ist, ich binde die Pferde im Stall an und dann schauen wir uns hier um“, schlug Doria vor.

Ihr Bruder nickte, also führte sie Nikolaus und Penelope zum Stall.

 

~*~*~

 

Die Stute roch das Blut schon, als sie noch nicht auf dem Hof waren.

Blut, Tod.

Wohin führte Kasimir sie?

Warum führte er sie zu diesem Hof, wenn ihm selbst die Angst in den Knochen saß?

Sie stieg.

Ein letzter Versuch Kasimir zur Umkehr zu bringen.

Ihr Reiter krallte sich panisch in ihrer Mähne fest. Da kam Nikolaus auf sie zu.

Hatte er denn gar keine Angst?

Roch er das Blut nicht?

Den Tod?

Nikolaus begrüßte sie.

Er zeigt ihr mit seinen Ohren, dass seine Reiterin keinen Grund zum Fliehen sah.

Er zeigte ihr, dass er Doria vertraute und sie ihm nichts tun wolle.

Penelope spielte mit ihren Ohren, stellte sie auf. Sie sagte damit: Gut Nikolaus, ich vertraue dir, aber ich bin immer noch wachsam.

Das Mädchen führte die Pferd zum Stall. Penelope folgte ihr, wenn auch widerwillig.

Es roch nach Blut, Mord und Totschlag.

Die Angst stieg auf den Sattel, auf dem Kasimir vorher gesessen hatte.

Dann öffnete das Mädchen die große Stalltür.

 

~*~*~

 

Den Geruch des Blutes bemerkte Doria sofort, als sie die Stalltür öffnete.

Sie blieb stehen und sah sich um, doch sie konnte nicht viel sehen.

Doria stieß das Tor weiter auf. Nun sah sie die Ställe.

Sie band Nikolaus und die Stute an die Ringe für die Pferde. Dann ging sie durch den Stall.

In einer Ecke lagen zwei tote Schafe.

Daneben waren ein toter Ochse und die Kadaver von drei Hühnern und einem Hahn.

Doria war entsetzt. Sie lief langsam aus dem Stall, um die Stute und den Wallach nicht zu erschrecken.

Kasimir!“, rief sie. „Schau dir einmal den Stall an!“

Kasimir kam zu ihr. Er hatte Angst.

Doria, was ist denn?“ Er sah sie ängstlich an.

Schau dir an, was in den Ställen passiert ist, aber fange nicht sofort an zu schreien. Das würde Penelope und Nikolaus erschrecken...“

Ruhig führte sie ihren Bruder in den Stall. Als er die Tierleichen sah, schnappte er nach Luft.

Doria...“, flüsterte er entsetzt. „Lass uns ins Haus gehen und nach jemandem suchen, dem wir es erzählen können!“

Doria schüttelte den Kopf.

Nein. Ich denke, es fliegen immer Krähen auf, wenn genau das passiert. Und ich vermute, dass auf diesem Hof niemand, außer uns beiden und unseren Pferde, lebt. Lass uns trotzdem im Haus nachschauen“, erklärte sie Kasimir.

Dann ging sie aus dem Stall. Sie ging in das Bauernhaus, die Tür stand offen. Doria betrat ein Zimmer.

Es war die Küche. Dort fand sie niemanden vor.

Wenig Licht gelangte durch einige schmale Fenster in den steinernen Raum. Es gab eine verrußte Feuerstelle und einen Holztisch, umringt von Baumstümpfen.

Sie ging in ein anderes Zimmer. Es gab dort vier Betten. Ein Mann und eine Frau lagen blutüberströmt in einem Bett.

Zwei kleine Jungen lagen zusammen in einem zweiten Bett. Beide waren tot. Der eine Junge war etwa sieben, der andere vier oder fünf.

In einem weiteren Bett lag ein Mädchen. In ihrem Hals war ein tiefer Schnitt, das Mädchen war vielleicht vierzehn.

Doria ging weiter.

Im nächsten Bett lag ein Junge. In seiner Brust waren tiefe Messerstiche und sein Unterarm war aufgeschlitzt.

Unter seinem Bett war eine große Blutlache.

Als Kasimir hinter Doria den Raum betrat, musste er einen Schrei unterdrücken. Er atmete schwer.

Siehst du, Kasimir? Genau das habe ich vermutet. Sie sind alle tot. Ich denke, immer wenn dreizehn Krähen auffliegen und es plötzlich anfängt zu gewittern, wurden Menschen umgebracht. Aber das mit den Krähen muss nicht so sein“, sagte Doria.

Und woher weißt du, dass es diesmal genau dreizehn Krähen waren?“

Ganz einfach: Ich habe sie eben gezählt.“

Kasimir sah Doria an.

Das heißt doch, dass diese Leute, oder wer auch immer die anderen Menschen tötet, es noch einmal tun werden!? Denn es war gestern so und ist heute auch so. Lass und zurück zur Burg reiten, vielleicht kommen die Mörder ja zurück und entdecken uns!“

 

~*~*~

 

Nikolaus stand neben Penelope.

Sie war sehr unruhig.

Sie roch das viele Blut.

Nikolaus und sie standen allein in dem dunklen Stall. In der Ecke waren unheimliche Gestalten. Sie lauerten am Boden und warteten anscheinend nur auf eine falsche Bewegung der Pferde.

Nun, da Penelope das Blut roch und die toten Tiere sah, vertraute sie Nikolaus nicht mehr so sehr wie zu Anfang.

Warum blieb er ruhig, obwohl sie von toten Tieren umgeben waren?

Sie wusste die Antwort schon bevor sie die Frage zu Ende gedacht hatte:

Nikolaus vertraute Doria.

Sie vertraute Kasimir ja auch, aber hatte er nicht auch Angst gehabt, als sie Doria hinterher galoppiert waren?

Wenn er Angst hatte, hatte sie auch Angst, da Kasimir ja ihr Anführer war und er so immer wusste, was zu tun war.

Das Stalltor ging auf und Penelope flüchtete in eine Ecke zurück.

Als sie sah, dass Doria und Kasimir eintraten, kam sie langsam und zögernd wieder hervor.

Kasimir ging auf sie zu.

An seinem Gang und seinem Gesicht konnte sie ablesen, dass, wo auch immer er gewesen war, etwas Seltsames und Grausames geschehen war.

Er versuchte ruhig mit ihr zu reden, doch sie hörte, wie angespannt Kasimir war.

Er saß steif im Sattel und bewegte sich nicht im Rhythmus ihres Körpers.

Penelope sah vorsichtig zu Nikolaus. Doria saß nicht so angespannt wie Kasimir auf Nikolaus Rücken. Sie saß locker, doch die Stute sah auch, dass sie aufgeregt war.

Was war denn draußen passiert?

Penelope trat hinter Nikolaus aus dem Stall. Das Licht war bereits etwas verschwunden und das ließ die Welt ein wenig grau aussehen. Je weiter sich die Pferde von dem Bauernhof entfernten, desto ruhiger wurden sie.

Weg von dem Blut, von dem Tod.

Doch irgendwie machte sich auch ein anderes Gefühl in Penelope bemerkbar.

Es schlängelte sich um ihren Körper und ließ sich nicht abschütteln:

Das Gefühl, sich verirrt zu haben.

 

~*~*~

 

Inzwischen war die Sonne schon fast verschwunden. Doria beugte sich vor und flüsterte Nikolaus etwas ins Ohr.

Er blieb stehen und sah sich um. Dann schnaubte er.

Kasimir blieb neben Doria und Nikolaus stehen.

Was ist passiert, dass du hier stehst und Nikolaus Dinge ins Ohr flüsterst?“, fragte er sie verwundert.

Doria sah Kasimir nicht direkt an. Ihre Blicke zeigten zum Wald, doch sie hatten kein Ziel.

Unsicher sagte Doria: „Wir haben uns verirrt.“

Ihr Bruder sah sie mit einem fragenden Blick an.

Nikolaus.“

Ihr Bruder sah noch viel ratloser aus.

Ich habe Nikolaus gefragt, ob er noch weiß, wo wir aus dem Wald gekommen sind oder wo das Bauernhaus war. Er hat geschnaubt.“

Kannst du mit ihm reden oder versteht er was du sagst?“, fragte Kasimir.

Doria seufzte. Stehen geblieben war Nikolaus, weil sie ihn angehalten hatte, aber geschnaubt hatte er von allein.

Kasimir, das Schnauben hörte sich an wie ein`Ich weiß es nicht`. Und ich vertraue Nikolaus.“

Sie ritten zum Rand eines Feldes, zu einer Hecke.

Dort stiegen sie beiden ab. Nikolaus und Penelope fraßen Blätter und Gras und Doria fand glücklicherweise einen Apfelbaum.

Kasimir versuchte ein Feuer zu machen, und nach langen Versuchen brannte schließlich eine kleine Flamme.

Doria suchte auf dem Feld nach Rüben, die die Bauern nicht mit eingesammelt hatten. Sie fand einige und wollte sie auf einem Stock über dem Feuer braten.

Kasimir sah ihr zu und sagte: „Wir finden schon zurück. Morgen bestimmt nicht, aber bald.“

Doch in seiner Stimme war ein Zittern zu hören.

 

 

 

 

Kapitel 6 (Pferdeblut)

 

Angus war auf dem Weg zum Meister der Jünger.

Er ging bedächtig durch das Schloss. Dann trat er hinaus auf den Burghof und ließ lautlos die Zugbrücke hinab.

Als er hinter dem Graben war, zog sie sich von allein wieder hoch.

Doch wessen Werk war das?

Angus war zu Magie nicht fähig, er war lediglich unsterblich.

Er sah sich um. Unbemerkt trat von hinten jemand an Angus heran.

Er spürte die Kälte.

Gevatter, womit soll ich Euch dienen? Habt Ihr diese Nacht zu viel zu tun?“, fragte er.

Nein, nein. Danke für das Angebot, Angus. Wie ich sehe habt Ihr die Bedingung erfolgreich erfüllt. Meine Jünger existieren nun also. Ich wollte Euch nur mitteilen, dass Ihr etwas gegen den Prinzen und die Prinzessin unternehmen müsst. Denkt an die Schrift!“, erwiderte der Tod.

Nach diesen Worten verschmolz er mit der Dunkelheit.

Angus war schleierhaft, was sein Meister mit den Worten „Denkt an die Schrift“ meinte. Ihm war nur klar, dass er den Geschwistern etwas antun musste. Und dafür brauchte er die Hilfe der Jünger des Todes.

 

 

Johann öffnete Angus die Tür seiner Wirtsstube.

Nur die anderen Jünger nahmen ihn wahr. Er setzte sich an einen Tisch und starrte Johann an. Der Wirt war verunsichert.

Schließlich kam er zu Angus an den Tisch: „Was wollt Ihr von mir, Angus?“

Angus genoss das Ansehen. „Ich habe eine Aufgabe für dich. Unternimm etwas gegen den Prinzen und seine Schwester!“

Johann sah ihn entsetzt an. Sie konnten doch nicht dem Prinzen und der Prinzessin etwas antun!

Es drohte ja die Todesstrafe!

Der Gevatter wünscht es so! Wenn du dich ihm widersetzt, wirst du einen qualvollen Tod erleiden und deine Seele wird nicht zum Meister kommen, sondern für immer in der Welt der Sterblichen existieren!“, drohte Angus.

Johann nickte angsterfüllt.

Ich werde es tun“, beschloss er nach langem Schweigen. „Wo sind sie?“

Um dies heraus zu finden, führte Angus den Wirt in eine einsame Kammer.

Es war sehr dunkel und auf dem Boden lagen mehrere Mehlsäcke. In einer Ecke war ein Korb Mohrrüben und Äpfel. Es gab Zuckerrüben, Mais und Erbsen.

Anscheinend war dies die Vorratskammer.

Johann zündete eine Kerze an.

Was wollt ihr jetzt in dieser Kammer?“, fragt er.

Angus antwortete nicht. Stattdessen sagte er die Formel auf, mit der er auch den Tod vor vielen Jahren zum ersten Mal beschworen hatte.

Der Gevatter erschien. Angus sah Johann seine Furcht an.

Er kämpfte mit sich:

Sollte er wegrennen oder seinem neuen Herrn dienen?

Angus nahm dem Wirt die Entscheidung ab: „Meister Gevatter, dies ist der Anführer der Jünger. Ich habe ihm aufgetragen, den Prinzen und die Prinzessin aus dem Weg zu schaffen, wie Ihr befohlen hattet.“

Der Gevatter ging auf den Wirt zu. Dieser verbeugte sich ehrfürchtig.

Als der Gevatter sprach, klang seine Stimme hohl und teilnahmslos: „Die beiden Geschwister sind im Wald bei den Bauernhöfen. Mein Mantel wird euch leiten.“

Dann zog er ihn aus, aber statt einem Körper kam unter dem Mantel nichts zum Vorschein, der Tod war schwarzer Nebel unter dem Mantel, der sich nun in der Luft kräuselte und langsam auflöste.

Er sprach: „Johann, lege mein Gewand an!“

Dann verschwand der Nebel.

 

~*~*~

 

Nachdem Angus mit dem Tod verschwunden war, kam Johann, mit dem Gewand des Todes auf dem Arm zurück in die warme Wirtsstube.

Dort sprach er zu seinen Gefährten: „Ich habe hier in meiner Hand das Gewand unseres Gebieters, des Gevatters.“

Bei diesen Worten hörte man ein allgemeines „Oh“. Einige kamen näher zu Johann, um die Kleider des Todes zu betrachten.

Johann wies sie zurück.

Er sagte, wenn ich es anlege, kann ich den Prinzen und seine Schwester aufspüren, um die Aufgabe, die Angus mir gestellt hat, zu erfüllen. Ich muss etwas gegen sie unternehmen, das ist meine Aufgabe!“

Dann warf Johann sich den Umhang um.

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er unbedingt nach draußen müsse.

Es war dunkel und man sah kaum etwas, aber Johann ging unbeirrt weiter.

Es war, als wenn er an einer Schnur befestigt wäre und jemand sie langsam aufwickelte.

Der Wirt führte sein Gefolge durch die dunkle Nacht. Obwohl es so düster war, dass man seine eigene Hand nicht sehen konnte, wusste er den Weg.

Geschickt schlich er durch den Wald, er war unhörbar. Nur die zwölf anderen Gefolgsleute konnten sich an leisen, kaum hörbaren Geräuschen orientieren.

Da entdeckte Johann ein kleines Licht, geschützt von einigen Bäumen. Es war schwach und wenn der Mantel des Todes ihm nicht den Weg zu diesem Licht weisen würde, hätte er es übersehen.

Nun aber führte der Weg direkt dorthin.

 

~*~*~

 

Nikolaus fraß die letzten grünen Blätter einer Eiche, die nahe an ihrem Lager stand. Sie schmeckten gut, doch Nikolaus vermisste auch den Duft des Heus, den er sonst jeden Abend roch.

Er wusste, dass Penelope ihn auch vermisste.

Nikolaus sah, dass die Stute ihren zierlichen Kopf hob.

Er blickte zu ihr. An ihren Ohren sah er, dass sie etwas gehört hatte. Sie lauschte wieder.

Nun war auch Nikolaus verunsichert.

Was hatte sie gehört?

Er richtete seine sensiblen Ohren in die Richtung, in die auch die Ohren Penelopes zeigten.

Was hatte die Stute gehört?

Nikolaus hörte auf jeden Fall nichts. Nur die Stille der Nacht. Den Schrei eines jungen Kauzes und das Rascheln der Mäuse im Laub.

Oder war dort doch ein Laut, der nicht in die nächtliche Stille gehörte?

Nikolaus hob nun auch seinen Kopf.

Doch, Penelope hatte sich nicht geirrt:

Dort war etwas anderes.

Sie lauschten auf neue, unbekannte Gefahr.

Menschen.

Ihre Schritte hinterließen einen unverwechselbaren Abdruck in der Welt der Geräusche. Der Wallach versuchte sich weiter der Eiche zu widmen, doch unglücklicherweise hatte er die letzten Blätter schon gefressen.

Nun musste er sich also doch auf die Schritte konzentrieren. Das Pferd trat zu der Stute heran.

Penelope sagte mit ihrem Körper: „Das sind neue Schritte. Sonst hat sich uns niemand mit diesen Schritten genähert.“

Der Wallach gab ihr Recht.

Da waren die Schritte plötzlich nicht mehr zu hören.

Stattdessen nahmen die Pferde nun ein Flüstern wahr. Nicht das Flüstern der Blätter im Wind, nein, menschliches Geflüster.

Es waren Worte, die er nicht verstand, doch an ihrem Klang erkannte er, dass sie nicht sehr gut gemeint waren.

Auf einmal kamen mehrere Menschen aus dem Schatten der Bäume.

Ein dunkel gekleideter Mann trat zu Doria und Kasimir und sah sie an. Die Geschwister schliefen.

Der Mann hob nun die Hand mit dem Messer. Nikolaus wusste, was ein Messer war, er hatte oft gesehen, wie die Knechte die Säcke mit dem Hafer damit geöffnet hatten.

Einige Zeit schaute der Besitzer des Messers auf die schlafenden Zwillinge, er legte ihnen eine Pflanze auf das Gesicht, dessen Duft Nikolaus träge machte, dann wandte er sich ab; er ging zurück zu den anderen Leuten. Er redete kurz mit ihnen, danach ging eine kleine Gruppe der Menschen zu Nikolaus, die anderen kamen zu Penelope.

Nikolaus sah verwundert zu.

Was wollten sie?

Er beobachtete skeptisch wie sich die Leute im Kreis um ihn herum stellten.

Zwei fassten Nikolaus Mähne, zwei seinen Schweif.

Ein Mann stellte sich vor ihn und die übrigen Männer gingen immerzu um den Wallach herum.

Was taten sie da?

Wozu war dies nützlich?

Langsam, wie Schnee, fiel auf Nikolaus die Angst herab. Er spannte seine Muskeln an, für den Fall des Kampfes.

Der Mann vor dem Wallach besah sich die stark bemuskelte Brust des Pferdes. Dann stieß seine Hand blitzschnell ein Messer in sie.

Nikolaus geriet in Panik.

Er wollte steigen, doch die Männer zerrten an seinem Schweif und seiner Mähne, sodass er sämtliche Haare verlor.

Das Pferd wieherte vor Schmerz.

Noch immer hielt der Mann seine Hand vor die Brust des Wallachs, mit seinen Versuchen zu steigen schnitt das Messer tief in seinen Leib.

Nun versuchte Nikolaus auszuschlagen, doch mit jeder Bewegung schnitt das Messer weiter in seinen Körper.

Er blutete stark.

Der Mann mit dem Messer stach nun in die Flanke des Pferdes; wehrlos musste dieses alles über sich ergehen lassen.

Das Messer ritzte in Nikolaus Hals.

Er verlor Blut, zu viel Blut.

Es war ein sehr grausames Schauspiel.

Immer wieder hörte er die Schreie der Stute, sie wieherte verzweifelt.

Bald ließen die Menschen von ihnen ab und liefen davon.

Penelope versuchte zu fliehen, doch nach wenigen Schritten knickte sie um und fiel zu Boden.

Nikolaus sah, dass aus ihren Nüstern Blut spritze.

Mit letzter Kraft hievte er seinen immer schwerer werdenden Körper zu Doria.

Er versuchte, sich langsam hin zu legen, doch er schaffte es nicht, knickte stattdessen um und fiel.

Er war zu schwach und er hatte zu viel Blut verloren.

Nikolaus legte seinen Kopf so nah wie möglich an Dorias Körper und wieherte schwach.

 

~*~*~

 

Ein leises Wiehern drang an Dorias Ohr.

Sie war sofort wach und strich sich ein großes duftendes Blatt vom Gesicht.

Neben ihr lag Nikolaus - blutüberströmt.

Es war nun nicht mehr weiß, er war rot mit weißen Flecken.

Der Schweif war nun nur noch ein blutiger, roter Stumpf.

Dort wo einst die prächtige Mähne des Schimmels wuchs, befand sich nun ein langer Riss in der Haut, aus dem verfilzte Haare wucherten.

Die Brust war blutgetränkt und immer noch lief Blut hinaus.

Doria sah Nikolaus Augen.

Sie spiegelten die Angst wieder, die er gehabt hatte und nun die Hoffnung, dass Doria für ihn da sein würde.

Zitternd legte Nikolaus dem Mädchen seinen Kopf in den Schoß.

Er sah sie hoffnungsvoll an.

Doria schüttelte traurig den Kopf.

Einzelne Tränen tropften langsam von Dorias Augen in die von Nikolaus.

Das Pferd spürte die tiefe Trauer, die diese Tränen ausdrückten. Er sah Doria an und legte seinen Kopf tiefer in ihre Hände.

Doria streichelte stumm ihr Pferd. Sie wusste, Nikolaus war zurückgekommen, in der Hoffnung auf Hilfe.

Nun war er gegangen, mit der größten Hilfe, die es gab; mit Liebe.

 

~*~*~

 

Als Kasimir erwachte, sah er Doria nicht. Die Pferde waren auch nicht da.

Was sie schon ohne ihn aufgebrochen?

Nein, das würde Doria nicht tun, oder?

Da bemerkte Kasimir seine Schwester:

Sie lag neben ihrem schlafenden Pferd und weinte. Sie streichelte Nikolaus immer wieder.

Vorsichtig kam Kasimir auf sie zu.

Doria?“

Er kam näher.

Ist etwas passiert?“

Doch das musste er nicht mehr fragen.

Natürlich war etwas geschehen, warum lag Nikolaus sonst Blut getränkt neben einer weinenden Doria?!

Ist er ... tot?“

Ja, Kasimir, er ist tot!“, sagte Doria zornig.

Aber Doria! Sei doch nicht so wütend, bi...“

Sie unterbrach ihn: „Nein, ich bin nicht wütend auf Nikolaus, weil er tot ist; oder auf Gott, weil er Nikolaus sterben lassen hat. Nein, ich bin wütend auf mich!“

Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus.

Aber Dori, ...“

So nannte Kasimir seine Schwester nur, wenn er ihr wirklich sehr viel Trost spenden musste. Dies war ein solcher Augenblick.

... du kannst doch nichts dafür, du hast doch nichts getan! Ich glaube nicht, dass du dein Pferd umbringen würdest.“

Doria weinte noch mehr.

Ja, genau deswegen! Wenn ich aufgewacht wäre, hätte ich ihm helfen können. Wer auch immer ihm das angetan hat, ich hätte ihn verjagen können!“

Sie umarmte ihr Pferd, das inzwischen in Leichenstarre gefallen war.

Kasimir dachte an sein Pferd, an Penelope.

War ihr auch etwas zugestoßen?

Oder lebte sie noch?

Er machte sich auf die Suche und ließ Doria bei Nikolaus allein.

In nicht allzu großer Entfernung fand er seine Stute.

Penelope sah genauso aus, wie Nikolaus, wenn nicht sogar schlimmer. Zudem stand ihr rechtes Vorderbein unnatürlich ab und ihr fehlte eines ihrer zarten Ohren.

Kasimir starrte sie einen Moment lang an, als ob sie davon lebendig und geheilt würde, doch es geschah nichts.

Den Tränen nahe sagte er: „Penelope? Meine Stute, mein Mädchen! Penelope, wach auf!“ Doch Penelope blieb reglos.

Kasimir fasste ihren kalten, harten Körper an. Die Tränen übernahmen die Macht und er weinte.

Kasimir weinte und weinte. Schließlich lief er zurück zu Doria und erzählte ihr, was er gesehen hatte.

Wir müssen ihnen ein Grab schaufeln!“, schlug er vor.

Doria stimmte zu.

Erst versuchten die Geschwister, Nikolaus zu tragen, dann schleiften sie ihn in das Wäldchen. Dasselbe taten sie auch mit Penelope.

Und was werden wir jetzt tun?“, fragte Kasimir.

Wir graben eine Grube! Hast du das noch nie gemacht?“, fragte Doria zurück.

Aber wir haben doch keinen Spaten, Doria!“, meinte er.

Sie überlegte.

Dann meinte sie: „Wir nehmen unsere Hände.“

Am Abend hatten die Zwillinge jedoch erst ein Loch gegraben.

Erschöpft legten sie Penelope und Nikolaus zusammen mit ihrem Zaumzeug und Penelopes Sattel in das Grab.

Große Trauer überkam Kasimir.

Er sollte seine Stute, sein treues Reittier, hier im Wald vergraben?

Hier fand er sie doch niemals wieder!

Seine Penelope wäre verloren!

Was sollte er denn nun tun?

Im Augenwinkel nahm der Prinz wahr, wie seine Schwester sich an einen Baum lehnte und langsam hinab rutschte. Sie ließ den Kopf auf die angewinkelten Knie sinken und fuhr sich mit ihrer Hand immer wieder schluchzend durch das Haar, bis es von überall wirr abstand und nicht mehr wie ein Pferdeschwanz aussah.

Niedergeschlagen lief Kasimir in den Wald, er wollte nicht, dass seine Schwester sah, wie er trauerte.

Er stolperte über einige weiße Steine.

Das ist es!“, dachte er sich.

Kasimir suchte viele von den weißen Steinen. Er trug sie zu Doria und legte danach mit seiner Zwillingsschwester ein Steinkreuz auf das Grab.

Dort stand nun:

 

P.& N.

 

 

Sie bekreuzigten sich stumm.

Danach sah Doria sich mit Kasimir das Grab noch ein letztes Mal an.

Schließlich stolperten sie beide schweigend zurück zum Lager.

 

 

 

 

Kapitel 7 (König ohne Königin)

 

Am Lagerfeuer überlegten Kasimir und seine Schwester, was nun zu tun war, denn sie waren auf die Pferde angewiesen.

Sie beratschlagten lange Zeit, doch keinem der beiden Zwillinge wollte etwas einfallen.

Kasimir saß neben Doria, diese kniete am Feuer und warf immer wieder Zweige hinein.

Sie sind also zurückgekommen.“

Das war Doria.

Ja, das sagte ich ja!“, meinte Kasimir.

Dann fügte er zweifelnd hinzu:

Es könnte doch ein Drohung gegen uns gewesen sein. Diese Nacht werden wir bestimmt umgebracht - falls wir nicht flüchten werden.“

Das können wir nicht! Die Pferde... , ach, du weißt schon“, sagte Doria und ihr Herz, das den Schmerz bisher zögerlich ignoriert hatte, zerriss erneut.

In ihren Augen sammelten sich schimmernde Tränen und Kasimir wusste, was seine Schwester nun fühlte.

Er legte seinen Arm um sie.

Doria, Schwesterherz, wir sprechen jetzt darüber, wie wir von hier fliehen könnten, nicht über unsere Pferde. Denke doch einfach, dass es keine Pferde waren, sondern eine prachtvolle Kutsche, die Feuer fing und unser Gespann floh. Denke nicht tot, sondern geflohen!“

Diese gut gemeinten Worte gaben Doria - wenn auch nur wenig - Trost.

Sie sprach weiter: „Wir können doch nicht bis zum Schloss laufen! Und wir wissen nicht, wo wir uns hier befinden.“

Du hast zwar Recht, aber zielloses Umherirren ist besser als hier zu schlafen, in dem Wissen in Gefahr zu sein.“

Da gab Doria Kasimir Recht.

Er stand auf und lief etwas tiefer in den Wald hinein. Dort sammelte er dicke Äste, die er als Fackeln verwenden wollte.

Als Kasimir zurück zum Feuer kam, sah er, dass Doria im Stillen weinte.

Du musst nicht traurig sein. Lass uns ein Lied singen, wie wir es immer auf der Burg getan haben!“

Kasimir überlegte einen Augenblick, doch ihm fiel kein einziges Lied ein. Doria wusste auch keines.

Doch dann erinnerte er sich an ein Lied. Es hatte ein Minnesänger einmal gesungen, der das Schloss besucht hatte.

Leise stimmte er es an.

 

Vor langer Zeit,

Die Stadt der Fröhlichkeit.

 

Menschen, durch Liebe gebunden,

Nun von ihrem Schicksal geschunden.

Im Leben sehen sie nun mehr keinen Sinn,

Ihr Leben geben sie hin.

 

Ein Wesen nimmt ihre Seelen in seine Hand,

Führt sie Hinab in der Toten Land.

 

Vor langer Zeit,

Die Stadt der Fröhlichkeit.

Tränen als Flüsse fließen,

Jene trauernde Herzen vermag niemand zu schließen.

 

Einstige Freude – verweht durch den Wind,

Zu Lachen vermag nicht einmal ein Kind.

 

 

~*~*~

 

Es war schon dunkel, als Leonhart aus dem Thronsaal verschwand und sich zurückzog.

Er durchquerte den Nordflügel.

Alle Diener, denen er begegnete, zogen ihren Hut (insofern sie einen hatten) und verbeugten sich.

Leonhart öffnete die Tür seines Zimmers und trat ein. Er nahm die Krone ab und legte sie auf das Samtkissen auf seinen Tisch. Dann drehte er sich um, legte seinen Purpurumhang ab und erstarrte.

Auf der Bettkante seines Ebenholzbettes saß eine große, schwarze Krähe.

Es war ein stolzer Vogel und sein Gefieder glänzte. Der Schnabel war schwarz und schien stark und um die schwarzen, listigen Augen der Krähe war ein kleines Muster aus hellgrauen Federn. Es ähnelte dem Teufelsstern, einem Drudenfuß.

Leonhart war von dem eleganten aber auch einschüchternden Vogel beeindruckt, doch er war auch entsetzt.

Wer hatte ihn hereingelassen?

Er setzte seine Krone erneut auf und trat hinaus auf den Gang.

Der König winkte einen Diener heran: „He, du! Junge, weißt du, wer den Raben in meine Kammer gebracht hat? Ich habe es nicht beauftragt!“

N-niemand, hat es getan, eure Majestät“, stotterte der Diener verlegen und vergaß dabei, sich zu verbeugen.

Er wusste nicht, warum ausgerechnet er gefragt wurde und er wusste nicht, was es für ein Rabe war.

Ich weiß nichts von einem Raben.“

Nun gut, ich will dir glauben. Womöglich waren es Kasimir und Doria. Ich werde sie fragen. Du, Bursche, welche Aufgabe hast du?“, fragte Leonhart.

Ich soll das Öl in den Fackeln nachfüllen“, antwortete der Befragte wahrheitsgemäß.

Du gehst jetzt zu den Gemächern meiner zwei Kinder und bestellst ihnen, dass ich nach ihnen rufen lasse. Falls dein Herr es dir übel nimmt, dass du zu lange für deine Arbeit gebraucht hast, erkläre ihm, was ich dir eben befohlen habe.“

Der junge Diener lief los und Leonhart trat zurück in seine Kammer, wo er auf den Diener wartete. Der große Vogel sah noch immer unbeweglich auf dem Bett des Königs. Gelegentlich blinzelte er.

Dann – endlich - klopfte es.

Der Diener trat ein, wider Erwarten des Königs allein und aufgeregt. Leonhart verstand dies nicht.

Der Diener hatte doch die Kinder mitbringen sollen!

Junge, sprich!“, fuhr er den Diener etwas zu grob an.

Eure Majestät, es – wo soll ich anfangen? Nun: Ich lief zu den Gemächern der Prinzessin und des Prinzen, doch ich konnte sie dort nicht vorfinden. So lief ich zu den Stallungen, dort halten sich die Geschwister ja öfters auf. Doch dort waren sie auch nicht. Ihre Pferde - Penelope und Nikolaus - waren ebenfalls nicht anwesend. Ein Knecht sagte mir, er hätte die Kinder am gestrigen Tage weg reiten sehen. Ich denke - wenn Ihr mir diese Äußerung erlaubt -, dass die Kinder das Schloss verlassen hatten und nun den Weg zurück nicht mehr finden, eure Majestät!“

Danke für deinen Bericht. Nun deine Äußerung ist recht klug, denn Doria verlässt gern das Schloss mit ihrem Pferd, und Kasimir begleitet sie dabei meistens. Ich werde wohl morgen in aller Frühe nach ihnen suchen lassen“, antwortete Leonhart dem Diener sehr zögernd.

Stimmte es wirklich, dass sie sich verirrt haben könnten?

Sorge breitete sich in ihm aus.

Er schickte den Diener wieder an seine Arbeit.

Der König nahm die Krone ab und legte sie zurück auf das Samtkissen.

Dann wandte er sich um und sah zur Krähe. Diese öffnete ihren Schnabel und klapperte damit. Dann erhob sie sich und ihre mächtigen schwarzen Flügel trugen sie aus dem Fenster in den Wald.

Es klopfte und eine Zofe geleitete die Königin in das Zimmer.

 

~*~*~

 

Angus stieg höher und höher. Die Königin würde ihm und seinem Meister viel Ruhm bringen.

Nein, nicht die Königin.

Vielmehr ihr Tod.

Angus krächzte majestätisch. Dann ließ er sich in den nur noch spärlich bewachsenen Ästen einer Silberweide im Wald nahe dem Schloss nieder.

Er beobachtete mit seinen schwarzen Krähenaugen das Zimmer des Königspaars.

Endlich erklangen die elf Schläge der großen Glocke im Kirchturm und die Nachtwächter liefen durch die Straßen und riefen dabei:

Hört ihr Leut' dies ist zu sagen:

Die Glocke, die hat elf geschlagen!

 

 

 

Angus flog durch die Nacht. Noch im Landen warf er seine Federn ab, er landete im Schlafgemach des Königs und seiner Frau.

Langsam und bedächtig zog er den Dolch mit der Kristallklinge hervor.

Seine Augen waren auf die schöne Königin fixiert.

Sein Blick spiegelte sich im Dolch wieder.

Dann stach Angus zu. Der Atem der Königin wurde flach und schließlich war er nur noch eine Erinnerung an ihr Leben.

Sie selbst verschwand in der Erinnerung.

Die Königin war tot.

Das Land und sein Herrscher wussten es noch nicht, doch die Nachricht sollte sich schon bald verbreiten.

Aber die Seele der toten Königin ging nicht. Sie konnte nicht gehen uns so blieb sie in der Welt der Lebenden.

 

 

 

Kapitel 8 (Der Weg der weißen Krähe)

 

Leonhart schlug seine Augen auf.

Es war ungewohnt ruhig im gemeinsamen Gemach der Königin und ihm.

Bloß seinen eigenen Atem konnte der König hören.

Seltsam und ungewohnt.

Er sah sich in dem Zimmer um. Sein dunkler Nachttisch, auf dem ein goldener Kerzenleuchter stand. In einer Ecke sein Tisch, auf dem das samtene Kissen mit der Krone lag. Direkt daneben, auf dem Tisch, umsichtig gefaltet der Purpurmantel. Ein weiteres Samtkissen mit dem Zepter, in dem kleinste Schnitzereien von Schlachten und Kämpfen zu sehen waren. Auf seinem Schreibtisch das Tintenfass, unbeschriebenes Pergament und der Falkenfederkiel für den Fall, dass er schnell einen Brief schreiben müsste und nicht in sein Schreibzimmer könnte. Etwas weiter rechts auf dem Holztisch eine Waschschüssel aus weißem Gold, aus chinesischem Porzellan, mit bunten Verzierungen in Form von Blumen, Ranken und Vögeln. Sie stand auf einem kunstvoll besticktem Handtuch.

Nein, hier war alles normal, so wie es immer war.

Was war dann falsch?

Leonhart drehte sich im Bett um, mit dem Gesicht zu seiner Gemahlin.

Die Königin lag mit dem Gesicht weg von ihrem Gemahl.

Caecilia, meine Allerliebste. Ich wünsche dir einen guten Morgen!“, begrüßte der König sie mit einer leisen, ruhigen Stimme.

Er streckte seine Hand aus und berührte Caecilia am Arm, um sie sanft zu streicheln. Als er jedoch ihren Körper berührte, zog er seine Hand sofort wieder zurück.

So kalt war ihre Haut noch nie gewesen!

Leonhart zog seine Frau zu sich hinüber.

Ihr Körper war hart, kalt und starr.

Caecilia, meine Schönheit!“, flüsterte er entsetzt.

Die Augen der Königin waren geschlossen, sie atmete nicht mehr und das schöne goldblonde lockige Haar umrahmte ihr zartes Gesicht. Es betonte ihre Gesichtszüge sehr und sie glich so einem Engel. Ihre Lippen schimmerten leicht blau, ebenso zeigte sich die Hauptschlagader am Handgelenk als helle blaue Linie. Ihre Haut war weiß geworden, die Körperhaltung der Königin war sehr entspannt, wenn Haut und Mund ihre ursprüngliche Farbe hätten, konnte man denken, sie schliefe.

Das ewige Licht leuchte ihr“, formten Leonharts Lippen tonlos, wobei er sich entgeistert bekreuzigte.

 

~*~*~

 

Schau, Doria! Eine Krähe!“

Was ist mit ihr, Kasimir? Krähen gibt es viele“, antwortete Doria.

Aber, Doria, wegen der Krähen haben wir doch das Schloss verlassen. Außerdem ... ist diese Krähe ... weiß!“, erklärte Kasimir seiner Schwester.

Doria sah verwundert dorthin, wohin ihr Bruder zeigte:

Der Vogel saß auf einem Feld und leuchtete auf der braunen, dunklen Erde. Es war eindeutig eine Krähe, wenn auch eine weiße.

Ihr Gefieder war schneeweiß und ihr Schnabel war silbern. Sie stand in einer erhabenen und aufrechten Position auf dem weiten Feld.

Als sie krähte, klang es wie Glockenschläge, ihr Krähen war hoch und hatte eine unbeschreiblich schöne Melodie.

Da flog der Vogel auf:

Er brauchte nur wenige Flügelschläge und schon war er hoch oben, nahe dem Himmel.

Doch die Krähe flog nicht fort, sie wandte sich den Geschwistern zu.

Sie landete vor ihren Füßen und sah sie mit einem bestimmten Ausdruck an, doch Doria und Kasimir wussten den Blick nicht zu deuten.

Dann drehte sich die stolze weiße Krähe um. Sie flog auf und umkreiste die Königskinder, daraufhin flog sie fort.

Kasimir, wir sollten der Krähe folgen! Sie ist ein Zeichen!“, deutete Doria das Erscheinen des Vogels. Kasimir stimmte ihr zu. So gingen sie weiter und folgte der Krähe.

 

 

Kasimir und Doria überquerten Felder und sprangen über Bäche.

Sie gelangten in den dichten Wald.

Dort wucherte überall dunkles, grünes Moos zwischen den Wurzeln und an den Stämmen wuchsen Flechten und Efeu. Unter dem Moos guckten auch schon einige kleine Pilze hervor. Sie waren zarte, schwache Gebilde, doch unter der Erde erstreckte sich ein großes Labyrinth aus ihren Wurzeln.

Auf der Erde lag schon etwas Herbstlaub und zwischen abgestorbenen Ästen und morschen Baumstümpfen webten die Spinnen ihre feinen Netze.

Die Krähe führte die Geschwister durch diesen herbstlichen Zauber.

Da traten sie zwischen den Bäumen hervor und vor ihnen lag ein See.

Er war groß und womöglich auch tief. Am Ufer wuchsen Schilfgräser und Weiden.

Die weiße Krähe flog auf den See zu.

Ihr Flug wurde immer tiefer – bis sie schließlich in den See flog.

Die Wellen, die sie verursacht hatte, legten sich bald und Kasimir beobachtete etwas Sonderbares.

Doria! Sieh her! Das Wasser – die Wellen!“, rief Kasimir entsetzt seiner Schwester zu. Und tatsächlich:

Es geschah etwas Unglaubliches.

Die Wellen hatten sich gelegt und nun sah man viele Blumen. Sie fielen anscheinend immer weiter in das Wasser.

Dann sah man einen weißen Sarg.

Vier Männer trugen ihn.

Auf dem Holz stand in weinroten Buchstaben:

 

Caecilia I.

Gemahlin Leonharts I.

Tochter des Grafen Heinrich III.

 

Die Kinder waren bestürzt:

Caecilia I. war ihre Mutter gewesen und so auch die Königin.

Ihr Vater stand trauernd da, mit der Krone vor den Augen.

Die Dame, die wohl die Mutter der Königin gewesen war, weinte in den Armen ihres Mannes.

Dem Priester standen ebenso Tränen in den Augen.

Und es tropften auch die Tränen der Königskinder auf den See und das wundersame Bild verschwand.

Kasimir hielt Doria in den Armen und sie weinte. Erst ihr Nikolaus und seine Penelope, und nun auch noch die Königin, ihre Mutter. Doria empfand tiefen Schmerz und er hinterließ große Wunden in ihrer Seele.

Sie konnte es nicht mehr ertragen

Kasimir ging es genauso.

Er war sehr betroffen und für ihn war es unerklärlich, warum seine Mutter gestorben war. Er verstand es nicht.
Warum mussten sie denn überhaupt sterben?

Sie sollten doch leben an einem Ort ohne Sorge!

Die Tränen bahnten sich den Weg auf Kasimirs und Dorias Gesicht.

Da stand Kasimir auf.

Er schüttelte Dorias Hand ab.

Mit leerem Blick ging er ins Wasser und sagte dabei eher für sich selbst: „Ich verabschiede mich von dir, wunderbare Welt. Doch da alle, die ich mag, von mir gehen, warte ich lieber mit den bereits Gegangenen an dem zeitlosen Ort der Ewigkeit auf jene, die doch kommen werden! Ich werde gehen und warten, Leben! Du bist mir nun nichts mehr Wert, Lebendigkeit!“

Kasimir, das hast du wunderschön gesagt, doch möchte ich mit dir unter den Lebenden weilen, bis der Tod mich zu meiner rechten Zeit in dieses Land bringt. Bitte, gehe nicht!“, rief Doria ihrem Bruder zu, der schon bis zu den Schultern im Wasser stand und immer weiter schritt.

Sie rannte im hinterher.

Kasimir, mein Bruder! Lass uns leben!“

Doria, ich habe keinen Gefallen mehr daran!“

Lass uns die besiegen, die diese grausamen Verbrechen begehen!“

Nein; ich habe keinen Gefallen an Rache!“

Kasimir! Lass uns das tun, um die Welt vor diesem Grauen zu bewahren! Oder soll es etwa vielen anderen Menschen so ergehen wie uns?“

Kasimir hielt für einen Augenblick inne. Dann drehte er sich zu Doria um, und er lief mit offenen Armen auf seine Schwester zu. Am Ufer umarmter er sie lange und fest, löste sich dann schließlich aus der Umarmung.

Er nickte ihr zu und sagte: „Doria, Schwesterherz. Danke, dass du mir die Augen geöffnet hast! Ich denke, wenn du nicht solche Worte zu mir gesagt hättest, wäre ich wirklich in diesem See gestorben. Danke.“

Doria lächelte ihren Bruder erleichtert an und war froh, dass sie in ihrer Not so gute Worte gefunden hatte, um ihren Bruder zum Umkehren zu bewegen.

Dann legte sie ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Ich rette dich doch gern, Kasimir. Du bist doch mein liebster und einziger Bruder und ich würde ein Leben ohne dich wahrscheinlich niemals ertragen können! Wie langweilig wären die Abende im Winter, an denen wir zusammen vor dem warmen Kamin saßen und wie könnte ich allein mit meiner Fiedel Lieder spielen, die für zwei Fiedeln gedacht sind?“

Obwohl es windstill war, schlug plötzlich der See heftige Wellen, sie schäumten aus der Mitte des Sees hervor und spritzen auf die unruhige Wasseroberfläche. Lautes Plätschern war zu hören und die Gischt formte seltsame weiße Kreaturen, die im nächsten Moment wieder im See versunken waren.

Mitten aus den weißen, zarten Schaumkronen wirbelten viele, weiße Federn hervor. Sie sahen aus wie kleine Schneeflocken, sie waren auch so leicht. Die Federn segelten langsam wieder auf den See zu, doch noch im Fall setzten sie sich zu einem Vogel zusammen – zur weißen Krähe!

Sie flog auf die Königskinder zu. Doria streckte ihren Arm aus, damit sich die Krähe dorthin setzte.

Eine wunderbare Wärme floss durch Dorias Körper, breitete sich von der Stelle auf ihrem Arm aus, auf der die Krähe saß, und sie war wieder heiter.

Sie bat ihren Bruder seinen Arm auch auszustrecken und stupste das weiße Tier vorsichtig auf dessen Arm.

Kasimir spürte auch die Wärme, die von diesem wundersamen Tier ausging. Er war nun nicht mehr traurig und fasste neuen Lebensmut.

Und noch etwas war geschehen:

Die Wärme, die bei der Berührung der Krähe auf Kasimir übertragen wurde, trocknete dessen nasse Kleidung.

Was er und Doria nicht wussten, war, dass die Wärme Liebe gewesen war und der wundersame Vogel den Geist ihrer Mutter schützte und beherbergte.

 

 

Doria, schau doch!“, sagte Kasimir und zeigte auf die Krähe. „Was tut sie da?“

Doria sah zu dem weißen Vogel, auf den Kasimir nun deutete.

Es war seltsam:

Die Krähe saß eben noch vor den beiden auf der Erde, flog auf und davon, bis sie nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont war. Sie drehte um, kehrte zu den Geschwistern zurück und landete erst auf der Schulter Kasimirs und dann auf Dorias. Sie sprang auf die Erde und sah ihnen in die Augen und flog auf ein Neues davon, weit weg, kehrte bald wieder um.

Möglicherweise will sie uns dadurch etwas sagen“, trug Doria ihren Vorschlag vor. „Es könnte heißen, dass wir ihr folgen mögen oder dass dort in der Ferne etwas ist, was sie uns unbedingt zeigen will.“

Also dann: Lass uns aufbrechen und ihr folgen!“, beschloss Kasimir.

Doria nickte und einen Moment lang wollte sie aus dem Schatten der Bäume die Pferde holen, doch sie erinnerte sich wehmütig daran, dass es nun keinen Nikolaus und keine Penelope mehr gab.

Diese Tatsache weckte erneut die Trauer in ihr, aber Doria versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

 

 

Kasimir und seine Schwester folgten der schönen Krähe lange durch den tiefen Wald und schon bald gelangten sie in einen Erlenhain.

Er war nur noch spärlich belaubt und die Äste der Bäume waren fast alle kahl. Wie lange Finger reckten sie ihre Kronen in den weiten Himmel, wollten ihn fassen, ergreifen, sie wollten ihn zerkratzen.

In einer der hohen und unheimlichen Erlen saßen dreizehn Krähen.

Sie waren pechschwarz und sie beobachteten Doria, Kasimir und die weiße Artgenossin mit ihren dunklen und hämischen Augen genau. Jeden Schritt, jeden Atemzug verfolgten sie.

Da, plötzlich krächzte das größte Tier laut auf.

Diese Krähe war außerordentlich groß und sie hatte an den Augen ein Muster aus grauen und schwarzen Federchen.

Es war die Krähe aus dem Schlafzimmer des Königs.

Sie kam pfeilschnell auf die weiße Krähe zu und mit ihr kamen auch die anderen zwölf. Die weiße Krähe erhob sich schnell und flog davon, gefolgt von dem Schwarm der schwarzen Krähen. Laut und gemein lachten sie die Kinder und den schönen, weißen Vogel aus.

Sie jagten das weiße Tier weg, weit fort von den Geschwistern.

Dann setzten sie sich wieder auf die Erle und beobachteten Kasimir und seine Schwester.

Diese gingen schnell geradeaus weiter.

Da die weiße Krähe fehlte, wussten sie nicht mehr den Weg, doch vor allem Kasimir wusste eines:

Er wollte weg von den Krähen. Sie waren ihm unheimlich.

 

 

Da, Kasimir!“

Doria deutete nach Westen.

Graue Wolken bedeckten den ebenso grauen Himmel, ein frischer Wind pfiff den beiden um die Ohren. Kaum ein Vogel war zu sehen, nur einige Tauben flogen am Himmel und ein kleiner Schwarm Dohlen griff gemeinsam einen Habicht oder Milan an, welcher in deren Revier anscheinend auf Mäusejagd ging. Die Bäume ließen sich vom Wind mitreißen und schenkten den Böen ihre bunten Blätter, die abgeernteten Felder sahen leer und verlassen aus. Eigentlich konnte der Prinz nichts Erwähnenswertes erblicken, doch wenn er angestrengt in die Ferne schaute, konnte Kasimir dort wirklich etwas erkennen.

Schau, ich sehe unser Schloss! Wir haben uns von der anderen Seite genähert. Nicht von der Seite mit dem dichten Wald, sondern von der Seite, auf der das Jagdgebiet von Vater liegt. Die stolze Krähe hat uns den Weg gewiesen und daher kannten wir die Gegend nicht so gut.“

Kasimir musste laut auflachen:
Es war wirklich wahr, sie hatten sich vom Jagdgebiet aus dem Schloss genähert.

Er nahm seine Schwester bei der Hand und gemeinsam rannten die Zwillinge auf das Schloss zu.

 

 

 

Kapitel 9 (Die Königin)

 

Leonhart saß bestürzt auf seinem Thron. Jegliche Geschäfte, die ihm seine Berater vorschlugen lehnte er ab, zu Gesprächen mit den Adligen in den Fürstentümern erschien er nicht, ein Gesandter musste ihn abmelden.

Ihm fehlte das gemeinsame Musizieren, das gemeinsame Mittagsmahl, die Begegnungen in der Menagerie oder im Stall, wo die beiden jedes Pferd putzten und wo er nach seinen wertvollen Rössern sah, die ihn bereitwillig überallhin trugen.

Er war tieftraurig und es kümmerte ihn auch nicht, dass die Krone wieder über seinen Augen lag.

Eure Majestät?“, wurde er aus seinen Gedanken geweckt, doch er dachte immer noch an Kasimir und Doria.

Erst war seine wunderhübsche Caecilia vor zwei Tagen gestorben und gestern begraben worden und dann verschwanden seine immer munteren Kinder, die das sonst so distanzierte Leben als König immer etwas heiterer gemacht hatten.

Eure Majestät?“, fragte der Diener nun zum zweiten Mal.

Schwermütig antwortete er: „Ja, was ist geschehen? Sprich!“

Nun, eure Majestät, wir haben sie gefunden!“

Wen hast du gefunden? Sprich vernünftig mit mir!“, befahl Leonhart.

Es sind der Prinz und die Prinzessin.“

Leonharts Gesichtszüge veränderten sich, er war erfreut und jegliche Sorge war fort: „Wo sind sie, wo hast du du sie gefunden?“

Wir, nein, die Wachen haben sie entdeckt. Der Prinz und sie Prinzessin streunten im Jagdgebiet umher, die Prinzessin trug Männerkleider und beide waren blutgetränkt. Sie befinden sich jetzt vor dem Thronsaal.“

Wache!“, donnerte Leonharts Stimme durch den Saal. „Öffnet die Tür für meine Kinder, Kasimir und Doria!“

Die Wache tat wie geheißen und Leonhart nahm seine Kinder freudig in Empfang.

Kasimir! Doria! Wo wart ihr? Endlich seid ihr wieder da! Ich habe nach euch suchen lassen!“

Er versuchte im Freudenrausch beide Kinder gleichzeitig zu umarmen, doch dabei fiel nur laut scheppernd seine Krone zu Boden. Das kümmerte den König jetzt aber nicht, sollte doch seine Krone verbeult sein, der Goldschmied konnte sie reparieren, seine Kinder waren wieder da, das war wichtiger!

Er musterte sie, bemerkte das Blut auf ihren Gewändern und sah, dass Doria Beinlinge und ein Hemd trug.

Meine Kinder, ihr müsst mir etwas erklären“, sagte er leise, sodass es nur Kasimir und Doria verstehen konnten. Dann rief er: „Diener! Bringt sie zum Baden, gebt ihnen frische Kleidung und etwas zu essen!“

 

~*~*~

 

Herein!“, sagte Kasimir, nachdem es geklopft hatte und seine Schwester betrat den gemeinsamen Freizeitraum. Bald würde ihr Vater kommen und sie müssten ihm alles erklären.

Nur wie – das war das, was Doria am meisten beschäftigte.

Sie konnten ihm schlecht erzählen, dass sie einfach wild los geritten waren, auf einem Bauernhof eine tote Bauernfamilie auffanden, nachdem es gewittert hatte und sie sich letztendlich verirrt hatten. Dann waren nachts die Pferde getötet worden und eine weiße Krähe hatte ihnen den Weg zur Burg gewiesen. Außerdem konnten sie in einem Waldsee beobachten, wie ihre Mutter Caecilia zu Grabe getragen wurde.

Das Feuer im Kamin brannte und füllte den ganzen Raum mit seiner wohligen Wärme aus und ließ ihn in einem warmen Licht erscheinen. Doria setzte sich neben Kasimir auf ein großes rotes Samtsofa. Dieses stand nahe dem Feuer und sie konnten sich so gut wärmen.

Die Prinzessin sah zum Schrank. Sie erinnerte sich daran, dass in ihm eine geheime Tür zu einem Gang, der zur Bibliothek führte, war.

Doria betrachtete gedankenverloren die wunderschönen, zahlreichen Ornamente im Holz. Sie stellten Blumen dar, Blumen und Ranken.

Doria, Kasimir.

Was war das, Doria? Hast du es auch hören können?“

Doria nickte.

Doria und Kasimir. Ich in es, eure Mutter! Ich bin es!

Kasimir war sehr verwundert. „Mutter, Sie sind doch tot!?“

Er bekam keine Antwort.

Ich bin ein Geist. Ich verstehe euch nur, wenn ihr denkt was ihr sagt!, hallte die Stimme ihrer Mutter in den Köpfen der Königskinder wider.

Ich komme, um euch zu warnen. Es gibt einige Menschen, die Grausames begehen. Sie nennen sich die Jünger des Todes. Sie morden im Namen des Todes und nur ihr könnt sie aufhalten. Erinnert ihr euch an die Prophezeiung, die ihr vor kurzem gelesen habt?

Ihr seid die ungleichen Gleichen. Ihr seid ungleich in eurem Charakter und ihr seid Mädchen und Junge. Aber ihr seid auch gleich, in euren Wünschen und Ängsten und ihr wurdet mir am selbigen Tag beide geschenkt.

Ihr seid ungleich und doch wieder gleich.

Nun, diese Jünger bringen Menschen um und fliegen nach jedem Mord als Krähe davon.

Die Opfer werden auch Krähen, jedoch treten sie so ihre letzte Reise an. Sie können so aber nicht ins Jenseits, da es ihnen als Krähe oder Geist nicht möglich ist.

Ich wurde auch auf diese Weise meines Lebens beraubt. Doch dann nahm ich die Gestalt einer weißen Krähe an, um euch zu retten.

Ich frage auch:

Seid ihr dazu bereit, diesem Elend ein Ende zu bereiten? Ihr seid die Einzigen, die dies vermögen!

Doria war entsetzt: Ihre Mutter, Königin Caecilia, wurde von den „Jüngern des Todes“ umgebracht!

Sie willigte ohne Zögern ein.

Kasimir überlegte erst, tat es dann aber Doria nach.

Plötzlich erschien die Königin.

Kasimir rannte auf sie zu, doch sie war nur Nebel.

Doria, Kasimir, meine Kinder. Ich spüre, dass ich bald gehen muss und für euch unsichtbar werde, jedoch muss ich euch noch etwas sagen:

Sucht nach dem Buch, das keinen Namen hat. Es steht bei den anderen Büchern, die unvollstän-“

Der Geist der Königin löste sich auf und Nebel wallte durch den Raum.

Dann lichtete er sich und der Zauber war vorbei.

 

~*~*~

 

Nachdem ein zweistimmiges „Herein“ erklungen war, betrat Leonhart den Gemeinschaftsraum. Dort saßen seine beiden Kinder brav auf einem Sofa mit Samtbezug und sahen ihn unschuldig an.

Keiner würde ahnen, dass diese äußerst vorbildlichen Zwillinge mit blutgetränkten Kleidern in seinem Jagdgebiet umher streunten und dem König so viel Sorge bereitet hatten.

Er setzte sich auf einen gepolsterten Stuhl und sah Kasimir und Doria mit einem erwartungsvollen Blick an.

Nun, wer von euch möchte mir berichten, was geschehen ist? Weshalb haben euch meine Wachen in meinem Jagdgebiet gefunden? Aus welchem Grund war eure Kleidung voller Blut? Wo befinden sich eure wertvollen Pferde?“

Die Geschwister sahen sich an und tauschten vielsagende Blicke miteinander aus, aber keiner sagte ein einziges Wort. Nach einigem Schweigen sahen sie ihren Vater schuldbewusst an und blickten dann zu Boden.

Wollt ihr mir etwa nicht antworten? Doria?“

Er schaute zu seiner Tochter.

Kasimir?“

Er sah zu seinem Sohn.

Was ist geschehen? Doria, erzähle es mir!“, sagte er, an Doria gewandt.

Vater, es wird Ihnen nicht gefallen. Ich... bitte versprechen Sie mir, dass Sie nicht wütend werden, oder falls Sie später doch wütend sind, dass Sie uns nicht beschimpfen werden. Bitte.“

Leonhart nickte und war verwundert, denn er hatte nicht erwartet, dass etwas geschehen sein könnte, bei dem er wütend würde.

Natürlich – ein wenig schimpfen würde er auch, wenn sie ihm einfach sagen würden, sie hätten sich im Wald verirrt, denn schließlich mussten die Kinder irgendjemandem doch sagen, wohin sie gingen.

Nun gut, Vater. Kasimir und ich waren vor vier Tagen im Wald, der zum Schloss gehört auf der großen Sommerlichtung - wir nennen sie so, weil im Sommer dort wunderschöne bunte Blumen wachsen“, begann sie zu erzählen. „Kasimir und ich übten uns auf eben jener Lichtung mit unseren Pferden im Schwertkampf mit Holzschwertern. Plötzlich brach ein gewaltiges Gewitter über uns herein und es flogen mehrere Krähen auf. Verschreckt galoppierten wir wieder zur Burg zurück, als wir ankamen war das Unwetter vorbei.

Am nächsten Tage wollte ich noch einmal in den Wald reiten, denn ich vermutete einen Zusammenhang zwischen den Vögeln und dem Unwetter. Wir waren im Wald und plötzlich gab es wieder einen Regenschauer und erneut flogen Krähen auf...“

Doria erzählte ihrem Vater, dass sie auf einem Bauernhof die dort lebende Familie tot auffanden und auf dem Rückweg hatten sie sich hoffnungslos verirrt. Dem König wurde erklärt, wie Penelope und Nikolaus tot und blutüberströmt am Lager der beiden gefunden wurden, dass die Geschwister ihnen ein Grab gegraben hatten.

Doria erwähnte auch ihre Vermutung, dass etwas Böses sein Unwesen treibe und das Land heimsuche. Dass es etwas mit Angus zu tun hatte verschwieg sie und umging es mit viel Geschick.

Er erfuhr außerdem die Sache mit der Krähe, nachdem er dies gehört hatte, sagte er recht zögernd: „Doria, diese Erlebnisse scheinen mir etwas ... ich kann mich nicht recht ausdrücken ... sie erscheinen mir etwas unglaubwürdig. Nicht, dass ich denke, du lügst, jedoch bezweifle ich, dass all dies geschehen ist.

Wer soll denn einen Zauber vollbringen können, durch den ihr im Wasser etwas beobachten konntet, das an einem ganz anderen Ort geschah? Soweit ich weiß, sagte mir niemand, dass es in diesem Wald einen Zauberer gäbe oder einen Waldgeist. Zudem ist es sehr bemerkenswert, dass ihr beide einer weißen Krähe folgtet, bisher wurde dieser Vogel noch nicht entdeckt. Doch ich werde dir trotz allem glauben, Doria, meine Tochter. Ich denke, du würdest mich nicht anlügen. Traurig finde ich jedoch, dass eure treuen Pferde nicht mehr unter uns weilen. Das ewige Licht leuchte ihnen.“

Leonhart bekreuzigte sich und seine Kinder taten es ihm nach.

Dann erhob sich der König und ging verließ langsam den Raum. Ein Diener öffnete ihm die Türe.

War das, was Doria ihm erzählt hatte, wirklich wahr?

Boten hatten ihm bereits von seltsamen Vorkommnissen erzählt – dass einige Menschen grausam getötet worden waren, dennoch erschien dem König all dies, was er eben erfahren hatte, so fremd und seltsam. Solche Dinge waren bisher noch nie in seinem Reich geschehen.

Lauerte hier irgendwo wirklich eine Bedrohung?

 

~*~*~

 

Kasimir ging durch die Abteilung der Bibliothek, in der die unvollständigen Bücher standen.

Von Angus gab es - Gott sei Dank- keine Spur.

Er ging langsam die Galerien auf und ab, von mehreren Büchern wischte er so einige Schichten Staub und untersuchte deren Buchrücken, doch jedes der Bücher war sorgfältig beschrieben worden und hatte daher auch einen gut lesbaren Titel. In einer Ecke fand der Prinz Bücher, die mit Spinnweben, die voll von Staub waren, überzogen wurden, doch auch unter ihnen befand sich nicht dieses geheimnisvolle Buch, das keinen Titel hatte und das sie auf Wunsch ihrer Mutter unbedingt finden mussten.

Kasimir“, rief ihn da seine Schwester.

Gespannt lief er um die hohen Bücherregale auf sie zu.

 

 

 

Kapitel 10 (Flammen)

 

Mit einem hässlichen Lachen schichtete Angus viele aus Büchern herausgerissene Pergamente auf einem Tisch auf, legte noch einige andere staubige Bücher daneben und besah sich sein Werk noch einmal.

Wenn er nun die Fackeln werfen würde, würde zuerst der Stapel Pergament zu brennen anfangen. Das Feuer würde auf die Bücher, die um das Pergament lagen, überspringen und die Flammen könnten sich so auch noch den großen Tisch zu eigen machen. Wenn das Feuer nun genug brannte, flögen die Funken bestimmt hoch auf und würden auf die Regale übergreifen. Und wenn das geschehen war, könnte nichts die Bibliothek mehr retten.

Binnen weniger Minuten oder vielleicht auch nur Sekunden, hätte sich das Feuer ausgebreitet und sowohl die Kinder, als auch das geheimnisvolle Buch ohne Titel wären aus dem Weg geschafft.

Zwei lodernde Pechfackeln warf er auf den Tisch zu, beide landeten neben dem Pergament, das sofort Feuer fing, eine weitere landete neben einem hohen Holzregal, vor dem er ebenfalls etwas derartiges aufgebaut hatte.

Angus rieb sich hämisch lachend die Hände:

Es war vollbracht!

 

~*~*~

 

Tatsächlich, Doria hatte ein Buch gefunden, dessen Titel fehlte. Es war keiner auf der Vorderseite zu finden und es gab auch keinen Titel auf dem Buchrücken.

Da nahm Kasimir plötzlich einen seltsamen, unpassenden Geruch wahr:

Es war der Geruch von verbranntem Holz, es roch rauchig.

Bei dem Gedanken, den er nun bekam, wurde ihm ganz heiß und unbehaglich:

Die Bibliothek brannte.

Stimmte es wirklich?

Konnte es sein, dass die große und besonders alte Bibliothek des Schlosses brannte?

Doria!“, sagte Kasimir laut, doch seine Schwester hörte ihn nicht.

Oder sie wollte es nicht.

Kasimir sah inzwischen den Rauch zwischen einigen Regalen hervorquellen.

Doria!“, rief er noch einmal zu ihr.

Sie war immer noch im Bann des namenlosen Buches und strich verträumt über den Einband. Wundervolle Muster befanden sich darauf, doch Kasimir schenkte dem in diesem Moment nicht sehr viel Beachtung.

Falls die Bibliothek nicht gebrannt hätte, hätte Kasimir es nie getan, doch nun ging es nicht anders.

Er hörte schon die ersten Bücherregale, die vom Feuer ergriffen worden waren, einstürzen.

Kasimir trat seiner Schwester mit aller Kraft gegen das Schienbein.

Lass das, Kasimir! Tritt mich nicht, ich bin schließlich deine Schwester und die Prinzessin!“, wies sie ihn zurecht.

Doria, bitte! Die Bibliothek brennt, wir müssen hier verschwinden, sonst verbrennen wir!“, schrie er gegen das Knistern, Tosen und die anderen lauten Geräusche des Feuers an.

Erst sah seine Schwester ihn nur merkwürdig an, dann begriff sie, was er gesagt hatte, ließ das Buch fallen und sah sich nach einem sicheren Weg aus den brennenden Trümmern um.

Die ersten Flammen griffen nun auch auf die Regale und Bücher um Kasimir und Doria herum über.

Die Geschwister rannten panisch aus der brennenden Bibliothek.

Diener! Hört uns zu! Holt geschwind Wasser, die Bibliothek brennt! Holt unseren Vater, den König, schnell!“, befahl Doria verzweifelt.

 

~*~*~

 

Angus beobachtete, wie die vielen Diener und Dienerinnen, Knechte und Mägde mit Eimern voll Wasser in die Bibliothek rannten.

Er war zwar Bibliothekar, doch für ihn hatten die Bücher nicht wirklich einen Wert.

Er wusste nur, dass das namenlose Buch ein Geheimnis barg und er durfte es als einziger erfahren.

Der Prinz und die Prinzessin durften auf keinen Fall das Geheimnis dieses Buches lüften, schließlich hatte es etwas mit der Prophezeiung, dem Tod und seiner Unsterblichkeit zu tun.

Da sah Angus, dass der König auch herbeieilte. Zu Angus Verwunderung trug selbst er einen Eimer voll Wasser.

Dessen Vorgänger – den Urgroßvater, Großvater und den Vater des Königs - hatte er ganz anders in Erinnerung:

Sie hatten jegliche körperliche Arbeit gescheut und alles ihren Dienern überlassen.

Er sah wütend aus und rief: „Der Brandstifter muss gefunden werden! Zur Strafe wird er sein Leben lassen müssen - und zwar auf dem Scheiterhaufen!“

Anscheinend lag dem König sehr viel an der Bibliothek und ihren Büchern.

Angus lachte im Stillen, denn ihm sein Leben zu nehmen – das war unmöglich!

 

~*~*~

 

Oh nein, Doria!“, klagte Kasimir. „Das Buch! Es ist noch in der Bibliothek!“

Oh nein!“ Doria sah entsetzt in die Flammen.

Ihr Bruder wusste, was sie gerade beschlossen hatte. Und er wusste auch, dass sie diesen Entschluss nicht rückgängig machen würde und rief ihr daher nicht hinterher, was sie zum Umkehren bewegen könnte.

Doria lief eilig an den vielen Dienern vorbei, die das Feuer löschten. Sie warf noch kurz einen Blick nach hinten, zu ihrem Vater und zu ihrem Bruder, dann sprang sie über einen Haufen brennender Bücher ins Feuer.

Nein, Doria!“, hörte sie noch ihren Vater jammern.

 

 

Die Hitze umgab sie von allen Seiten.

Wo war das Buch!?

Doria sah sich um, darauf bedacht keine Funken ins Auge zu bekommen. Doch ihr Körper würde die Hitze nicht mehr lange ertragen, das wusste Doria. Es war unbeschreiblich heiß - ihr Blut kochte.

Sie rannte zwischen den vielen brennenden Trümmern von Regalen hin und her, auf der Hut vor den Flammen, auf der Suche nach dem Buch.

Dort!

Das war es ganz bestimmt!

Doria erblickte ein Buch, das schon halb brannte.

Mit zitternden Fingern schlug sie es auf. Als die Flammen ihre Hand berührten, zog sie diese schnell weg.

Doch, es hatte einen Titel.

Rechts und links, von vorne und von hinten wurde Doria von den Flammen bedroht. Sie leckten nach ihr, streckten die langen, gelborangen Zungen nach der Prinzessin aus und züngelten um ihre Beine. Sie rannte vor den Flammen davon und plötzlich stolperte sie. Auf dem Boden lag ein Buch.

Es war das Buch ohne Titel!

Doria hob es schnell auf und lief auf den Ausgang zu. Sie sprang wieder über das umgestürzte Bücherregal.

Geschafft!

Doria, Obacht!“, rief jemand. Doria sah nach hinten und bemerkte, dass ihr Kleid Feuer gefangen hatte.

Hilfe! Ich brenne!“, schrie sie.

 

 

Ein Diener lief mit einem Eimer Wasser auf sie zu und goss ihn über den brennenden Teil des Kleides. Es zischte laut und die Flammen erloschen, sie versuchten sich noch einmal zu retten, loderten kurz auf, waren dann aber schon wieder ausgebrannt.

Wie durch ein Wunder hatte Doria keine Brandwunden oder ernsthafte gefährliche Verletzungen. Ihr Kleid war zwar am unteren Saum etwas verbrannt, doch ihr war nichts geschehen.

Erschöpft ging sie auf ihren Bruder zu und gab ihm das teils rußgeschwärzte Buch.

Wir haben es geschafft! Das Buch ist nicht verbrannt, Kasimir!“, freute sich Doria müde.

Oh ... Nein, das darf doch wohl nicht wahr sein! Siehst du auch, was ich sehe?“, fragte Kasimir entsetzt.

Er deutete auf Angus, der gerade gelassen aus dem Feuer kam.

 

 

 

Kapitel 11 (Ein leeres Buch)

 

Wie hatte es geschehen können?

Die dumme Prinzessin hatte das Buch gefunden, obwohl die Bibliothek brannte!

Sie war einfach ins Feuer gesprungen und hatte zwischen den Flammen nach dem Buch gesucht und es sogar noch gefunden.

Angus ärgerte sich.

Das Feuer war gelöscht worden und die meisten Bücher wurden gerettet.

Er musste das Buch vernichten oder zumindest in seinen Besitz bringen.

Nach einem Plan sinnend öffnete er eines der großen Glasfenster und sah hinaus in den strömenden Regen.

Angus sprang mit Zuversicht aus dem Fenster, noch im Sprung nahm er seine zweite Gestalt an, die der Krähe.

Er breitete seine Schwingen aus und glitt durch den Himmel.

Regentropfen prasselten auf sein pechschwarzes Gefieder.

In einer Erle landetet er, um Schutz vor dem Regen zu suchen, doch es war Herbst und der Baum hatte schon viele Blätter verloren, so dass es nun kein schützendes Blätterdach mehr gab.

Angus dachte nach.

Sollte er die Jünger um Hilfe bitten?

Nein, das wäre unklug, dies war eine Angelegenheit, die allein ihn betraf.

Und, so untergeben Johann auch war, wenn er erst einmal wusste, dass Angus Unsterblichkeit in Frage stand, würde Angus sich schnell viele Feinde machen, denn wer würde dann nach ihm kommen?

 

~*~*~

 

Gespannt sah Doria zu, wie Kasimir das Buch aufschlug. Einige Seiten waren schwarz und rußig und viele waren an den Rändern verbrannt.

Doria, sieh mal! Das verstehe ich nicht...“, meinte Kasimir.

Seine Schwester kam zu ihm und sah über seine Schulter in das Buch. Sie war genauso verwundert wie Kasimir.

Warum hat Mutter uns aufgetragen ein Buch zu finden, das leer ist? Keine Bilder, kein Text... Was soll das?“, fragte sie sich.

Diese Frage stellte sich auch Kasimir. Er blätterte zusammen mit Doria durch das ganze Buch – sie fanden noch nicht einmal einen Tintenfleck.

Kasimir, das ist doch unmöglich! Warum sollen wir nach dem Buch suchen, obwohl es nicht beschrieben ist? Das ergibt für mich keinen Sinn.“

Doch Doria, vielleicht ist das Buch beschrieben...“, überlegte ihr Bruder zögerlich. „Nur die beschriebenen Seiten sind aus irgendeinem Grund ... verborgen worden.“

Das ist natürlich möglich, aber wie sollen wir die beschrifteten Seiten finden?“, fragte Doria.

 

~*~*~

 

Angus konnte es nicht zu lassen!

Er beobachtete fassungslos, wie die Zwillinge das namenlose Buch aufschlugen.

Er wollte „Nein!“ rufen, doch seinem Schnabel entwich nur ein heiseres Krächzen, wie bei jeder anderen Krähe auch.

Angus wartete lange auf seinem Baum, bis die Geschwister die Kammer verließen, doch erst als es fast Nacht war und ein kalter Wind über die Ländereien und den großen Garten des Schlosses wehte, konnte er unbemerkt in die Kammer fliegen.

Das Fenster war verschlossen, doch er konnte es mit seinem Schnabel öffnen, ohne dass das Glas zerbrach.

Als Angus landete, sprang er noch einmal kurz vom Boden auf und nahm so wieder seine menschliche Gestalt an.

Der Wind draußen hatte viele Regenwolken aufkommen lassen. Schnell fing es an zu regnen. Schwere, kalte Regentropfen prasselten auf die Erde, klopften gegen die Fenster des Schlosses.

Angus öffnete erneut ein Fenster und warf das Buch ohne Titel hinaus in den Regen. Er würde das Buch auf diese Weise vernichten.

Das Buch würde durch den Regen aufweichen und verschimmeln.

Dann sprang er selbst hinterher, verwandelte sich im Flug in eine Krähe und verschwand in der Nacht, um seinem Meister wieder bei der Arbeit zu helfen.

 

~*~*~

 

Außer Atem kam Kasimir bei Dorias Kemenate an.

Doria!“, sagte er und klopfte donnernd gegen die Tür.

Doria kam heraus.

Sie war - wie üblich - so gekleidet wie Kasimir, nur, dass ihr Hemd und ihre Hose mit kunstvollen Stickereien, wie Ranken und Blumen verziert wurde. Lange, wallende Kleider und ihre Krone trug sie nur bei besonderen Anlässen.

Kasimir, war ist geschehen?“, fragte sie.

Das Buch!“, brachte er atemlos hervor. „Es ... es ist fort!“

Doria sah entsetzt ihren Bruder an.

Wie, fort?“

Nicht mehr da, wo es gestern lag! Ich ... ich konnte es nirgends finden!“ Kasimirs Atem wurde ruhiger.

Das glaube ich nicht!“, meinte Doria ernst.

Sie ging mit ihrem Bruder zu seinem Gemach.

Sie suchten dort viel und lange, doch die Geschwister hatten keinen Erfolg.

Das Buch blieb verschwunden.

 

~*~*~

 

Als Doria das Fenster ihres Raums öffnete, wehte ihr ein eisiger Wind ins Gesicht.

Der erste Gesandte des Winters.

Wie sehr hatte Doria sich immer gefreut, wenn ihr morgens der eisige Luftzug durchs Haar fuhr.

Sie hatte sich dann jedes Mal auf die Schlittenfahrten mit Kasimir gefreut, bei denen Nikolaus und Penelope ihren Schlitten zogen.

Doch jetzt erfüllte der kalte Winterwind Doria mit Trauer:

Wie sehr würde sie diese Schneeausritte und Schlittenfahrten vermissen – nun, da die Pferde nicht mehr waren.

Doria zog sich einen warmen Mantel über. Sie griff nach ihrer Bärenfellmütze und dem flauschigen Wollschal. Dann eilte sie durch das Schloss zu Kasimirs Gemach, wobei sie sich ihre Fäustlinge anzog.

Gerade als Doria die Hand hob, um zu klopfen, öffnete Kasimir die Tür. Er war so winterlich wie Doria gekleidet.

Kasimir, hättest du Lust, dir mit mir den Schlossgarten anzusehen? Ich bin so gespannt, ob schon Raureif auf den Wiesen liegt und der Boden gefroren ist!“, fragte Doria.

Genau diese Frage wollte ich dir auch stellen!“, lachte Kasimir.

Die Geschwister gingen in den Schlossgarten und ließen sich von den winterlichen Vorboten verzaubern.

Doria entdeckte einige verblühte Blumen und Bäume, deren Äste mit Eisblumen überzogen waren.

 

~*~*~

 

Kasimir sah sich auch im Garten um.

Er fand Baumstümpfe zwischen denen sich Spinnennetze spannten. Der Tau, der in diesen Netzen hing war schon gefroren. Das sah so wunderschön aus, dass er es Doria zeigen musste. Er wanderte mit seinen Blicken hin und her, auf der Suche nach Dorias Bärenfellmütze, als er plötzlich die schwarzen Rosen sah.

Es war ein großes Beet, voll von dunklen Rosen. Sie standen mal nebeneinander, mal ganz weit von einander entfernt.

In der Mitte des Feldes stand ein weißer Holzbogen und die Rosen, die sich um ihn Rankten, waren als einzige rot.

Als Kasimir sich wieder gefasst hatte, rief er Doria.

Seine Schwester kam zu ihm gelaufen.

Beim Anblick dieses großen Beetes war sie genauso erstaunt wie ihr Bruder.

Kasimir, lass es uns ansehen!“, forderte Doria ihn auf. Sie lief auf das Beet zu.

Doch Kasimir zögerte.

Was war, wenn dieses Beet von seinem Vater zu pflanzen beauftragt war?

Wenn sie es gar nicht betreten durften?

Doria bemerkte, dass Kasimir nicht mit ihr mitgelaufen war. Sie blieb stehen.

Doria, was ist wenn wir das Feld nicht betreten dürfen? Wir sollten erst Vater fragen, ob uns der Zutritt gewährt ist!“, rief er ihr zu.

Sie kehrte um und lief zurück.

Darüber hatte ich nicht nachgedacht“, gab seine Schwester zu.

Doch Kasimir war ihr noch nicht einmal böse gewesen.

 

 

So gingen die Geschwister zum König Leonhart, ihrem Vater. Sie fragten ihn nach dem Beet mit den schwarzen Rosen und erfuhren folgendes:

Nachdem er den Tod der Königin wahrgenommen hatte, ließ der König das Beet pflanzen, als Zeichen dafür, welchen Wert die Königin für ihn hatte.

Dürfen wir dieses Feld denn betreten?“, fragte Doria schließlich.

Wenn euch soviel daran liegt, erlaube ich es. Aber seid vorsichtig mit den Rosen. Sie sind sehr kostbar!“, sagte Leonhart.

 

 

Kasimir ging mit seiner Schwester über den gefrorenen Boden, seine Schritte waren laut und abgehackt. Seine Beine streiften die Rosen und er war darauf bedacht, keine zu zertreten.

Komm, Kasimir! Lass uns zum Torbogen gehen! Ich möchte wissen, wie er gearbeitet wurde“, forderte Doria ihn auf.

Sie trat unter den Bogen, Kasimir kam ihr hinterher.

Im Holz waren unzählige Schnitzereien. Sie stellten die glückliche, gemeinsame Zeit des Königs, seiner Frau und der Kinder dar.

Kasimir war nicht so sehr wie Doria an den Bildern interessiert, er ging um den weißen Bogen herum, denn ihm war kalt. Sein Atem war eine weiße Wolke und am Himmel ließ sich die Sonne nicht blicken.

Der Prinz lief langsam um den Holzbogen, als er sich plötzlich mit dem Fuß an etwas stieß.

Er bückte sich und versuchte diese Ding aus dem gefrorenen Boden herauszuziehen.

Er kratzte das Eis weg und...

Doria! Ich vermute, dass ich etwas Wichtiges gefunden habe! Komm schnell!“

Doria lief zu ihrem Bruder.

Was ist das?“, fragte sie und deutete auf die Kante des seltsamen Gegenstands.

Ich habe das Gefühl, dass diese Ecke zu unserem Buch gehört.“

Du meinst doch nicht etwa das namenlose Buch, das verschwunden ist?!“, sagte Doria.

Doch, Schwesterherz, ich meine genau dieses Buch. Lass es uns ausgraben und wir werden sehen!“

Kasimir versuchte Stücke aus dem Boden heraus zu brechen, um das Buch freizulegen.

 

~*~*~

 

Nach langem Klopfen, Graben und Kratzen, konnten die Geschwister am Nachmittag das Buch aufheben.

Kasimir nahm es und besah sich den Einband: Es war genau derselbe wie der des namenlosen Buches.

Dorias Herz schlug schneller, als ihr Bruder das Buch vorsichtig aufschlug, denn die Seiten waren teilweise gefroren.

Im Buch waren überall rote Flecken.

Blutrot.

Es war Blut.

Doria war entsetzt.

Kasimir, sind das etwa Blutflecken?“

Kasimir blätterte weiter. Doch das ganze Buch war blutbefleckt.

Plötzlich stoppte Doria Kasimir. Sie legte ihre Hand auf die Seiten.

Was soll das?“, fragte er.

Siehst du die Schrift dort?“ Doria zeigte mit ihrem Finger auf eine winzig kleine Schrift, die über mehrere Seiten ging.

 

 

 

Kapitel 12 (Vergänglich oder Ewigkeit)

 

Die Krähe sah aus einiger Entfernung zu, wie die Königskinder das Buch aufschlugen.

Angus ärgerte sich. Er hatte gedacht, wenn er das Buch aus dem Fenster in den Schlossgarten werfen würde, wäre es unauffindbar.

Aber diese Zwillinge kamen ihm auch immer in die Quere!

Alle Pläne, die er bis jetzt verwirklicht hatte, hatten sie durchkreuzt.

Nun war wieder seine Unsterblichkeit in Frage gestellt. Er musste etwas tun; handeln.

Nur was sollte er tun?

Noch lange nachdem die Geschwister gegangen waren saß Angus in seiner Krähengestalt auf der kahlen Erle und sann nach einem guten Plan.

Angus war ganz in Gedanken verloren, als es langsam immer kühler wurde.

Es war keine natürliche Kälte.

Es war eine tödliche, übernatürliche Kälte.

Angus“, sagte eine Stimme.

Die Krähe sah auf.

Angus, kommet her! Ich brauche Euch“, befahl der Sensenmann.

Angus flog auf und landete neben seinem Gebieter.

Den Mantel der Krähe warf er nicht vollständig ab, so dass er noch im schwarzen Umhang neben seinem Herrn stand.

Angus, kommet mit in die Stadt. Wir haben einige Seelen zu erlösen. Kommet!“

 

 

Angus ging neben dem Tod.

Er schwieg.

Es war eine bedrückende Stille.

Leise fielen die ersten Schneeflocken auf die Dächer der Häuser, die Straßen der Stadt.

Der Tod führte Angus in das Armenviertel. Dort schliefen viele Bettler auf dem Boden.

Die Nacht war kalt und so hatten Angus und sein Gebieter viel zu tun.

Sagt es mir!“, befahlt der Knochenmann, als Angus gerade seinen Dolch aus der Brust eines toten Mannes zog.

Was, soll ich Euch sagen, Meister?“

Es gibt etwas, das Euch verärgert - sagt es mir!“, wiederholte der Gevatter.

Meister. Die Königin wurde umgebracht, doch sie ist noch einmal nach ihrem Tod dem Prinz und der Prinzessin erschienen. Sie hat ihnen von einem Buch erzählt, ein Buch ohne Titel. Ich vermute, dass meine Unsterblichkeit in Frage gestellt wird, falls diese Königskinder das Buch lesen. Und ich dachte, ich kann von Euch Hilfe erwarten.“

Der Tod schwieg eine lange Zeit.

Erneut war es eine bedrückende Stille.

Dann führte er Angus durch die Gassen der Stadt.

Was seht Ihr, Angus? Wer lebt hier?“

Menschen, Herr.“

Gut, gut. Und leben sie ewig?“

Nein, Herr.“

Der Sensenmann und sein Diener näherten sich den Feldern.

Und nun, was seht Ihr Angus?“, fragte er.

Die Pflanzen, die hier wachsen. Ich nehmen an es ist Weizen, Meister.“

Und wächst der Weizen ewig?“

Nein, Meister.“

Nun Angus, was ist mit mir? Ich bin der Tod. Währt der Tod ewig?“

Ja“, antwortete Angus.

Dann schwieg er.

Nach langem Schweigen fragte der Tod: „Angus, wer seid Ihr?“

Ich? Ich bin Angus, Euer unsterblicher und unterwürfiger Diener, Gevatter“, sagte Angus.

Wirklich? Ihr seid doch ein Mensch! Ihr seid also auch vergänglich. Ich allein bin ewig, Angus. Ich allein.

 

 

 

Kapitel 13 (Pergament)

 

Im Gang war es kalt und dunkel. So wie fast überall im Schloss, wo es keine Feuerstelle gab.

Angus tastete sich mit seinen langen, bleichen Fingern an der Wand entlang.

Da!

Dort war das Fach!

Er fasst hinein und erfühlte das Pergament. Mit der Schrift in der Hand ging er zurück in die warme Bibliothek.

Erneut las er den Text:

 

Jener, der das Buch findet wir ihn rufen.

Das schwarze Buch verleiht ihm die Magie den Tod zu finden.

 

Das schwarze Buch hatte er gefunden – und mit ihm den Tod.

 

In der endlosen Nacht ohne Mond am Grabe eines Henkers wird er Unsterblichkeit erlangen.

 

Ja, unsterblich war er auch. Er hatte das Abkommen geschlossen.

 

Jedoch können zwei ungleiche Gleiche ihn...

 

Diese Textstelle war für Angus unverständlich.

Was sollte ungleiche Gleiche bedeuten?

Wer war ungleich?

Wer war verschieden? Verschieden wie Tag und Nacht, Mann und Frau...

Mann und Frau?

Junge und Mädchen?

Die Königskinder!

Angus hatte des Rätsels Lösung: Sie waren ungleich in ihrer Art, aber gleichin ihrem Alter, ihrem Stand und ihrem Leben.

 

Ungleiche Gleiche...

 

Konnten Kasimir und Doria Angus wirklich etwas antun?

 

~*~*~

 

In der Nacht, nachdem sie das Buch gefunden hatten, schneite es.

Abends hatte es angefangen:

Kleine weiße Flöckchen waren vom Himmel gefallen.

Langsam wurden es mehr Flocken. Und größere.

Es kam in den Abendstunden sehr viel Wind auf, sodass am nächsten Tag das ganze Land unter eine dicken Schicht von Schnee verborgen lag.

Doria öffnete ihr Fenster und sog die kalte Luft ein. Dann schloss sie es und lief zu den Pferdeställen.

Auf dem Weg grüßte sie alle Bediensteten höflich, denn sie wusste, dass die Diener an so einem Tag oft missmutig gelaunt waren, wenn sie noch kein Feuerholz geschlagen hatten.

In den Pferdeställen traf sie auf ihren Bruder.

Doria! Lass uns eine Schlittenfahrt machen. Wir können Mutters Pferd nehmen“, schlug er vor. Doria stimmte dem zu und sie ging, um das Pferd zu holen.

Liebevoll putzten Kasimir und seine Schwester die Stute.

Dann ging Kasimir mit einigen Dienern den Schlitten aus einer Scheune holen.

Dies war ein Fehler.

 

~*~*~

 

Indigo ließ sich von Doria leicht führen.

Die Stute kannte das Mädchen gut, genauso gut, wie den Jungen ihren Bruder.

Doch plötzlich blieb Indigo stehen.

Sie witterte irgendetwas. Die Stute stellte ihre zarten Ohren auf.

Sie hörte Schreie.

Krähenschreie.

Gehässig und bösartig durchdrangen sie die so vertrauten Geräusche am Hof und die im Stall.

Und die Krähen kamen näher.

Komm Indigo! Bitte komm jetzt!“, forderte das Mädchen sie auf.

Indigo ging einige zögernde Schritte und blieb erneut stehen.

Jetzt konnte sie sogar die schwarzen Vögel riechen.

Die Stute bekam Angst und lief los.

Die Krähen waren sehr nach. Zu nah.

Doria hatte sie auch bemerkt.

Sie sah auf und umklammerte zitternd Indigos Strick.

Dann stürzten die Krähen auf sie herab.

Die Todesvögel stürzten sich auf sie und hackten mit ihren spitzen, harten Schnäbeln auf Doria ein. Vor Schmerz lies sie den Strick los und die Stute flüchtete.

Indigo lief und lief, um sie herum wirbelte der Schnee auf. In einiger Entfernung blieb sie stehen.

Indigo sah auf die Krähen, die auf das Mädchen einhackten.

Nein!

Das durften sie nicht tun!

Verzweifelt wieherte Indigo auf.

Die Zeit schien einen Augenblick still zu stehen.

Das Wiehern war laut, übertönte die dreckigen Schreie der Krähen.

Doch bald wurde das Krähen lauter.

Indigo wieherte erneut.

Und die anderen Pferde antworteten ihr.

Warum kam Kasimir nicht?

Der Bruder, warum kam er nicht?

Plötzlich galoppierte Indigo los. Sie wusste nicht weshalb, aber sie rannte auf die Krähen zu.

Vor Doria stoppte sie.

Sie stieg.

Sie trat aus.

Sie schnappte nach den schrecklichen Vögeln.

Indigo wieherte erneut.

Und diesmal konnte Kasimir sie hören.

 

~*~*~

 

Er ließ den Schlitten los und rief im Laufen: „Lasst den Schlitten stehen, kommt mit mir mit!“

Unter seinen Füßen wirbelte der Schnee auf.

Auf halber Strecke zwischen der Scheune und den Stallungen fand er Doria und Indigo vor. Er sah noch wie die letzten Vögel höhnisch lachend aufflogen, dann trat er zu seiner Schwester.

Kasimir... Lasse Vater holen“, bat Doria ihn.

Der Schnee um sie herum war blutbefleckt und mit schwarzen Federn gespickt.

Ihre Kleidung war zerfetzt und aus den Wunden an ihren Armen, die sie sich schützend vor das Gesicht gehalten hatte sprudelte das Blut hervor, wie das Wasser aus einer Quelle im Gebirge.

Du, reite zur Stadt und lasse den besten dort auffindbaren Arzt kommen“, befahl Kasimir auf einen Jungen zeigend.

Und du, laufe hoch ins Schloss und hole meinen Vater. Sage ihm, es sei dringend“, wies Kasimir den Knecht an, der gerade Futter an die Pferde verteilte. Beide nickten und liefen dann sofort los. Nach kurzer Zeit war der König anwesend. Er trug mit einigen anderen Dienern seine Tochter in ihre Kemenate.

Ein Diener heizte den Kamin an und so warteten alle wortlos auf den Arzt.

Auf Befehl des Königs hatte eine Magd Doria den Mantel ausgezogen und sie wusch nun die blutenden Wunden aus.

Die Magd wickelte weiße Leinentücher um Dorias Arm mit der größten Wunde, als der Bote mit einem Arzt das Zimmer betrat. Dieser machte - wie der Diener - eine Verbeugung und ging dann zur Prinzessin.

Er war ein mittelalter Mann und er schien in seinem Leben schon viele Kranke gesehen zu haben, denn der Anblick von Doria hatte ihn nicht sehr erschreckt. Sein braun-graues Haar war nicht ganz schulterlang, ging ihm aber bis über die Ohren.

Der Arzt war etwas kleiner, machte aber einen freundlichen und sympathischen Eindruck.

Nach kritischen Blicken auf die Verletzungen holte der Doktor eine Salbe aus seiner Tasche und schmierte sie auf die Wunden, dann ordnete er an, neue Leinentücher darum zu wickeln.

Er wandte sich an den König.

Eure Majestät, Eure königliche Hoheit. Der Knecht hat mir alles auf dem Weg hierher erzählt. Er sagte mir, dass Krähen Eure Tochter angegriffen hatten. Ich weiß nicht, ob die Nachricht Euch schon erreicht hat, aber in der Stadt geht die Pestilenz um. Es hat bisher nur letzte Woche ungefähr sechzig Tote gegeben und davon waren die meisten Bettler.

Wir Ärzte und Apotheker wissen nicht, wie sich die Pest verbreitet, gehen jedoch sehr davon aus, dass es durchaus ein schlechtes Vorzeichen sein kann, wenn jemand von Rabenvögeln heimgesucht wird. Ich denke daher, dass Ihr von nun an vorsichtiger mit Eurer Tochter umgehen solltet. Sie ist pestilenzgefährdet.“

Der König überlegte und sah immer wieder von Doria zum Doktor. Er war verunsichert.

Konnte seine Tochter wirklich die Pest bekommen?

Nun, Sie haben natürlich Recht, obgleich ich dies alles nicht wusste. Was gedenken Sie nun zu tun?“, fragte er.

Der Arzt sah Leonharts verzweifelten Gesichtsausdruck.

Sollte er es ihm wirklich sagen ?

Das wäre eine schmerzliche Entscheidung - sowohl für den König als auch für den Prinzen.

Ich ordne vierzig Tage Quarantäne an.“

Der König nickte stumm.

Sein Sohn wollte etwas erwidern, doch Leonhart legte ihm die Hand auf die Schulter, was heißen sollte: „Schweige still!“

Natürlich kann ich Euch nach den ersten zwanzig Tagen die Erlaubnis geben das Zimmer länger als nur für ein paar Minuten zu betreten und mit der Prinzessin zu sprechen - doch dies funktioniert nur insofern es ihr Gesundheitszustand zulässt.“

 

~*~*~

 

Als Doria aus der Schwärze erwachte, fiel ihr Blick sofort auf die Verbände, die sie um ihre Arme trug.

Woher kamen sie?

Was war geschehen?

Doria war ratlos. Sie sah sich in ihrem Gemach um, in dem alles so normal war wie sonst auch.

Im Kamin prasselte ein Feuer. Als sie aus dem Fenster sah, fielen ihr die vielen Schneeflocken auf, die draußen herum wirbelten und tanzten.

Es schneite also.

Schnee?

War da nicht irgendetwas im Schnee passiert?

Schnee – aber an mehr konnte sie sich nicht erinnern.

Doria sah einige Zeit aus dem Fenster dem Schneetreiben zu. Viele kleine weiße Flocken schwebten leise durch die Luft und landeten sanft auf dem Boden, der schon von einer dicken Schneeschicht bedeckt war.

Es war gerade erst Nachmittag, dennoch wurde es schon dunkel und das Licht verschwand.

Es klopfte an Dorias Tür und eine Magd trat ein. Doria wusste nicht genau ihren Namen - vermutete aber, dass sie Elizabeth hieß.

Als die Magd Elizabeth bemerkte, dass die Prinzessin nicht schlief oder bewusstlos war, drehte sie sich um und verließ fluchtartig den Raum.

Doria war dieses Verhalten unerklärlich.

War etwas mit ihr geschehen?

War sie etwa tot gewesen?

Sie sah an sich herunter.

So blass wie ein Toter war sie nicht wirklich.

Kurze Zeit später betraten ihr Vater, ihr Bruder und ein Arzt den Raum.

Doria wusste nicht, dass es ein Arzt war, denn er hatte eine Pestmaske auf und trug einen dazugehörigen Umhang.

Doria wich in ihrem Bett zurück und presste sich an die Wand.

Vater! Kasimir! Obacht, hinter euch! Ein Ungeheuer!“, rief sie verzweifelt. Sie atmete heftig.

Der König musste lachen und Kasimir fiel auch in das laute Gelächter ein. Doria verstand nun nichts mehr.

Phantasierte sie etwa?

Gab es das Ungeheuer vielleicht gar nicht?

Aber, aber...“, stotterte sie.

Doktor Ciprianus, würden Sie es meiner Tochter bitte erklären?“, bat König Leonhart.

Das Krähenungetüm, das einen Doktor darstellen sollte, kam auf die Prinzessin zu.

Krähenungetüm.

Krähen.

Schlagartig erinnerte Doria sich.

Wie die Krähen sie angegriffen hatten.

Wie Indigo geflohen war.

Wie die Stute sie dann doch gegen die Vögel verteidigt hatte.

Und wie sie schließlich in bodenlose Schwärze eintauchte.

Doria?“ Kasimir berührte sie vorsichtig an der Hand. „Hörst du Doktor Ciprianus überhaupt zu?“

Die Königstochter kehrte aus der Erinnerung zurück.

Entschuldigen Sie, ich ... ich habe mich gerade wieder an alles erinnert. An die Krähen, an das, was geschehen ist. Es war so schrecklich...“

Dann wiederhole ich es noch einmal, Eure königliche Hoheit. Da in der Stadt einige Menschen an der Pest gestorben sind, besteht bei allen Personen, die in Kontakt mit den Todesvögeln gekommen sind, der Verdacht, dass sie die Pest bekommen könnten. Daher darf sich für vierzig Tage keiner mit Euch unterhalten oder Euer Gemach betreten. Nur den Mägden ist Zutritt gewährt:

Sie bringen Euch morgens, mittags und abends etwas zu essen, wechseln Eure Verbände und geben euch Schutzmittel wie Rosmarin und Thymian. In achtzehn Tagen dürfen Euer Bruder und Euer Vater mit Euch reden und im Zimmer bleiben - wenn Euer Zustand sich verbessert hat“, erklärte der Doktor.

Und warum tragen Sie diesen ... dieses Kostüm?“, fragte Doria verwirrt.

Falls Ihr wirklich von der Pest befallen seid, wird es der Krankheit durch meine Maske nicht möglich sein an mich heran zu kommen, da ich durch den Schnabel einen großen Abstand bewahren muss.“

Kasimir trat neben den Doktor und sagte mit einem Lächeln auf den Lippen: „Doria, ich hoffe du bist gesund, so dass wir in achtzehn Tagen wieder lesen dürfen...“

Auch ihr Vater, der König, stellte sich zu Doktor Ciprianus.

Meine Tochter, Doria, es war schon schlimm, dass deine Mutter plötzlich starb. Bleibe du gesund!“

 

~*~*~

 

Die achtzehn Tage vergingen nur langsam und schwer.

Kasimir vermisste die Unterhaltungen mit seiner Schwester und die Ausritte mit Indigo machten ihm auch keinen Spaß mehr.

Am fünfzehnten Tag wollte Kasimir zur Abwechslung einmal in die Ställe gehen. Er wusste zwar nicht wirklich warum, aber Kasimir hoffte dort ein bisschen auf Gesellschaft.

Langsam machte der Prinz sich auf den Weg durch das Schloss. Er achtete nur auf den Boden, denn den Weg war er schon sooft gegangen.

Plötzlich stieß Kasimir mit einer Magd zusammen, die gerade vom Waschsaal kam. Ihr fiel der Korb mit der Wäsche auf den Boden.

Wie selbstverständlich stellte Kasimir den Korb wieder normal hin, legte die Wäsche hinein und reichte ihn der Frau. Er wunderte sich sehr über diese Geste, denn sonst handelte er nicht so.

Er schenkte ihr ein Lächeln und setzte seinen Weg fort.

Seltsam.

Warum hatte er so gehandelt?

Diese Geste war ihm sonst fremd.

Vielleicht war das, weil Doria sonst auch so freundlich war.

 

 

Am Stall angekommen sah er, wie zwei Jungen zusammen einen Stall ausmisteten. Sofort kam er zu ihnen.

Eure königliche Hoheit. Guten Tag!“, sagten beide Jungen und verbeugten sich.

Guten Morgen. Kann ich euch beiden meine Hilfe anbieten?“

Aber ... Eure königliche Hoheit, das ... wir ... wir sind dafür angestellt, Ihr seid doch der Prinz!“

Los, sagt mir schon, was ich tun kann! Ich helfe euch! Wo finde ich eine Forke?

Zudem:

Nennt bitte mich „Prinz Kasimir“, da ich persönlich befinde „Eure königliche Hoheit“ klingt ziemlich distanziert.“

Die Burschen waren beide verwundert, dennoch kam der eine Junge mit Kasimir und zeigt ihm, wo die Gerätschaften wie Forken, Schaufeln und Heugabeln waren.

Er gab Kasimir eine Forke und sagte: „Dann fangt mal an, Prinz Kasimir! Ihr könnt jederzeit gehen. Ihr seid Prinz und zu nichts verpflichtet!“

 

~*~*~

 

Hatte Leonhart eben richtig gehört?

Hatte der Diener dem Wachposten eben wirklich erzählt, dass...

Ihr beiden da, kommt zu mir!“, sagte der König.

Die Wache und der Diener traten zu ihm heran.

Was habt ihr beiden da eben besprochen? Ich wünsche es zu erfahren.“

Der Diener sah zum Wachposten. Dieser sah ihn erwartungsvoll an.

Nun, Eure Majestät. Ich war eben bei den Pferdeställen und habe gesehen, wie Eure Hoheit, der Prinz, zusammen mit zwei Jungen dort einen Stall ausgemistet hat.“

Wie bitte?!“, fragte Leonhart erstaunt. Dann befahl er: „Bringt ihn zu mir!“

Der Diener verschwand.

Leonhart nickte dem Wachposten zu und er ging zurück an seinen Platz.

Warum half Kasimir den Stallknechten?

Seine Kinder hatte viele Freiheiten - Doria durfte sogar Männerkleider tragen, aber dass Kasimir Stallknechten bei der Arbeit half...

Die Blicke des Königs streiften die Wandmalereien.

Es waren wunderschöne exotische Vögel zu sehen, ebenso bunte Blumen.

Wie sehr Caecilia den Gesang dieser Vögel doch geliebt hatte!

Gleich morgen wollte er jemanden losschicken, der im Süden nach einem Vogelfänger suchen sollte. Dieser sollte dann einige bunte Vögel für die große Menagerie des Schlosses fangen.

Die Tür wurde geöffnet und es traten sein Sohn und der Diener ein.

Kasimir, mit ist zu Ohren gekommen, dass du im Stall gearbeitet hast. Kannst du mir das erklären?“, begann Leonhart mit einem strengen Ton.

Kasimir ging über den langen roten Teppich und verbeugte sich vor seinem Vater.

Vater, ich weiß selbst nicht weshalb. Ich dachte mir ... mir war langweilig und ich war voll Tatendrang, sodass ich einfach helfen wollte. Vater, entschuldigen Sie mein Verhalten bitte!“ Verlegen sah der Prinz wieder zu Boden. „Verzeihen Sie mir.“

Leonhart schaute seinen Sohn solange an, bis dieser ihm auch in die Augen sah.

Mein Sohn. Ich verzeihe dir, obwohl es sich nicht für einen Prinzen gehört.

Ich habe übrigens einen neuen Lehrer für dich. Du wirst wieder lernen und ... wenn Doria auch will, darf auch sie im Musizieren unterrichtet werden und kämpfen, reiten und schwimmen lernen.“

Kasimir nickte stumm. Er wandte sich ab und wollte gehen, doch der König rief ihn zurück.

Kasimir, es tut auch mir leid. Ich bin auch sehr bestürzt und ich wollte dich nicht so hart zurechtweisen. Es tut mir aufrichtig leid.“

 

~*~*~

 

Es mussten noch vierzehn Tage ertragen werden und Doria stand am Fenster und betrachtete die zarten Eisblumen, die sich am Glas gebildet hatten.

Es war nicht auszuhalten.

Drei Mal am Tag kam Elizabeth:

Sie wusch die Wunden, wechselte die Verbände und brachte ihr Essen. Reden durften sich nicht miteinander und das war das, was Doria am meisten zu setzte.

Plötzlich hörte sie ein Rascheln und sah wie ein Stück Pergament unter der Tür her geschoben wurde.

Doria! Hörst du mich?“

Ja. Bist du es Kasimir?“

Ja, ich bin es. Hör mir zu: Ich darf nicht mit dir reden und eigentlich darf ich dir auch nichts schreiben. Alles andere steht in dem Brief!“

Doria hörte Schritte, die sich entfernten.

Kasimir, warte!“ Aber er hörte sie nicht mehr.

Doria entfaltete den Brief gespannt.

 

Liebste Doria!

 

Es ist mit zwar untersagt, Briefe zu schreiben, doch ich schreibe dir trotzdem, da ich mir vorstellen kann, wie sehr du dich langweilst und wie niedergeschlagen du wartest, bis diese vierzehn Tage vorbei sind.

Aber Doria, es gibt Neuigkeiten!

Vater hat einen neuen Lehrer für uns. Ja, für uns. Vater erlaubt dir, in die Schule zu gehen und reiten, schwimmen, klettern, musizieren und kämpfen zu erlernen.

Vor zwei Tagen habe ich etwas Seltsames getan:
Ich half zwei Jungen, die die Ställe der Pferde ausmisteten. Mir war langweilig und ich suchte Gesellschaft, also führte mein Weg mich in die Stallungen, wo ich ihnen dann half.

Merkwürdig, nicht?

Morgen werde ich in die Bibliothek gehen und schauen, ob ich etwas über Angus herausfinden kann, denn ich vermute, dass er der letzte Bibliothekar dieser Burg war.

Ich hoffe dieser Brief gibt dir ein wenig Kraft und du erträgst dies alles weiterhin.

 

In Liebe, dein Bruder Kasimir

 

War das wirklich wahr?

Doria durfte in die Schule gehen und mit Kasimir all das lernen, das sie sonst nicht durfte?

Große Freude gewann die Überhand und Doria sprang auf, strahlte über das ganze Gesicht, öffnete ein Fenster, schloss es wieder und kniete sich vor ihrem Bett nieder und dankte Gott.

Es war ein Lichtblick, sodass sie die vierzehn Tage besser überstehen würde.

 

 

Doktor Ciprianus betrat das Zimmer.

Doria bemerkte, dass ihr Vater und ihr Bruder vor der Tür blieben, wandte sich dann aber wieder zum Doktor.

Er lächelte ihr zu und schloss die Tür leise. Dann bat er sie, sich auf ihren gepolsterten Lehnstuhl zu setzen.

Der Doktor legte ihr die Verbände ab und untersuchte die Wunden genau.

Aus seiner ledernen Tasche holte er eine Salbe und neue Verbände hervor. Die Salbe brannte ein wenig auf Dorias Haut, daher zuckte die Prinzessin beim Auftragen kurz zusammen.

Eure Verletzungen sind bis jetzt sehr gut verheilt und ich denke, es werden keine hässlichen Narben bleiben, Eure königliche Hoheit.

Ich erkläre Euch hiermit für gesund und Eure Angehörigen dürfen nun wieder mit Euch reden und Euer Gemach betreten. Verlassen werden darf der Raum von Euch aber nicht, Ihr müsst noch zwanzig weitere Tage hier bleiben. Wenn Ihr gestattet, ich begleite jetzt Seine Majestät, den König, und Seine Hoheit, den Prinzen, in Euer Gemach.“

Doria nickte. Der Arzt öffnete die Tür brachte ihren Bruder und den König hinein und zog seinen Hut. Dann ging er.

Erst betrat Leonhart den Raum und er atmete erleichtert auf.

Doria, mein Kind. Du lebst, du lebst! Dank sei Gott für immer und in Ewigkeit!“, rief er freudestrahlend aus. Er kam auf seine Tochter zu und umarmte sie.

Danach kam Kasimir in die Kemenate.

Er lächelte verschmitzt und - Doria konnte es kaum glauben - er hatte das namenlose Buch unter dem Arm.

Doria! Meine Schwester, du bist gesund! Schau, was ich dir mitgebracht habe!“

 

~*~*~

 

Als Leonhart gegangen war, kam Kasimir mit einem sonderbaren Leuchten in den Augen zu seiner Schwester.

Er fragte sie aufgeregt: „Hast du meinen Brief gelesen? Ich werde bereits unterrichtet und sobald deine Quarantäne vorbei ist, kannst du auch mit mir lernen zu kämpfen, reiten, schwimmen und zu klettern! Zudem wollen Vater und ich morgen deine und meine Fiedel mitnehmen und Vater möchte seine Flöte herbringen, sodass wir zusammen musizieren können.

Aber jetzt müssen wir zuerst einmal das Geheimnis um unser Buch lüften.“

Er ging zu Dorias Eichenholztisch und schlug das Buch auf. Seine Schwester stellte sich neben ihn.

Da! Dort sind die Seiten mit dieser fremden Schrift!“

Doria deutete auf die Buchstaben.

Wenn wir nur wüssten, was dort steht!“, sagte Kasimir gedankenverloren.

... mich auf und finde die Worte. Schlage mich auf und finde die ...“

Doria, was sagst du da?“, fragte er verwundert.

Ich lese nur vor, was da geschrieben ist“, erwiderte sie.

Kasimir war erstaunt.

Warum konnte Doria diese seltsamen Buchstaben entziffern?

Warum - oder besser - woher wusste sie, was dort stand?

Du kannst das lesen? Doria, du kannst das lesen?!“, fragte er immer wieder.

Ja, natürlich. Da steht klar und deutlich wieder und wieder dieser Satz:

Schlage mich auf und finde die Worte“, antwortete seine Schwester ruhig.

Kasimir überlegte.

Das Buch war doch schon aufgeschlagen.

Und diese komischen Worte hatten sie auch gefunden.

Oder waren etwa andere Worte gemeint?

Die Lösung des einen Rätsels ergab ein neues:

Jetzt hatten sie die Buchstaben entziffern können und nun wussten die Kinder nicht, was gemeint war.

Die Prinzessin zog das Buch zu sich heran und untersuchte es genauestens. Sie legte es auf die Kante ihres Tisches und betrachtete die Seiten.

Doria, das Buch sei vor-“

Es war schon zu spät. Das Buch war vom Tisch gefallen, mit den Seiten nach unten. Viele der Pergamente waren zerknickt.

Kasimir kniete sich sofort neben das Buch und versuchte die Seiten wieder zurück zu falten, jedoch ohne Erfolg. Dabei aber, entdeckte er etwas interessantes.

Der lederne Einband hatte sich vom Buch gelöst und er gab am Buchrücken ein vergilbtes Pergament frei.

Der Prinz knibbelte an dem Leder, doch es löste sich erst nach etlichen Versuchen.

Schließlich nahm Doria den alten, zerfledderten Zettel heraus.

 

 

 

Kapitel 14 (Reine und schwarze Herzen)

 

Angus landete im Glockenturm der Burgkapelle und lief leise umher. Wenn er jetzt die Tauben wecken würde...

Nun war es bereits zu spät:

Laut gurrend flog die erste Taube auf und warnte ihre Artgenossen vor der großen Krähe, die dort im Turm war. Es waren auch andere Tauben erwacht.

Sie gurrten alle und flohen schnell aus dem Turm.

Ein großes Spektakel war es:

Sämtliche Tauben flogen aus dem Glockenturm - gestört in ihrer nächtlichen Ruhe- in alle Himmelsrichtungen.

Doch das Schauspiel blieb nicht unbemerkt.

Fast jeder Wachposten auf der Mauer hatte seinen Kopf erhoben, um beobachten zu können, was sich dort abspielte.

Nun hieß es Handeln.

Als Mensch war Angus zwar unsichtbar, doch diese dummen Zwillinge konnten ihn sehen. Und wenn er als Krähe in einen Käfig gesteckt werden würde, wäre er verloren. Sterben konnte er dort nicht, doch er wäre für immer und ewig gefangen.

Die ersten Schritte waren zu hören.

Schnell entschied er sich für den Bibliothekar und warf sein Federkleid ab.

Durch die hölzerne Falltür verschwand er, als bereits drei Wachen im Taubenschlag waren. Dann schlich er sich durch einen Geheimgang in den Teil des Schlosses, in dem die königliche Familie schlief.

 

 

Vorsichtig griff er nach der Türklinke und stieß die Tür auf.

Nein, hier war er falsch.

Dies war das große Ankleidezimmer der Königin gewesen.

Angus versuchte eine Tür weiter links:

Es war das Zimmer der Prinzessin.

Auf leisen Sohlen schlich er sich hinein.

Einige Holzbohlen knarrten.

Das Mädchen raschelte mit der Bettdecke.

Hätte Angus geatmet, würde er in diesem Moment die Luft angehalten haben. Er blieb stehen.

War die Prinzessin aufgewacht?

Einige Sekunden verharrte er auf der Stelle.

Gut, sie hatte ihn nicht bemerkt.

Angus lief weiter, doch erneut knarrte der Fußboden.

Ich weiß, dass Sie in meinem Zimmer sind, Angus. Ich bin wach. Ich wünsche, dass sie meine Kemenate sofort verlassen – Nein, ich verlange es!“

Er erstarrte.

Sie war doch wach.

Er war unfähig etwas zu sagen.

Dann fasste er sich: „Hör zu, du Mädchen. Wo du schon mal wach bist, kannst du es mir ja gleich sagen. Wo ist das gottverdammte Buch?!“

Ich verbitte mir diese Umgangston! Ich sage Ihnen nicht, wo das Buch ist und wenn Sie nicht sofort verschwinden, dann...“

Na, was dann Mädel? Was ist dann? Du willst nach der Wache rufen? Du vergisst dabei wohl, dass du und dein dummer Zwillingsbruder die Einzigen im Schloss sind, die mich sehen können! Ich existiere doch nur noch für euch! Und du vergisst, dass du noch unter Quarantäne stehst. Die denken höchstens, du phantasierst! Und dann beginnen die vierzig Tage von neuem. Also, erzähl mir jetzt schön brav, wo das Buch ist!“

Angus sah im Zimmer umher.

War das Buch etwa dort auf dem Tisch?

Ja, nehmen Sie es sich, Angus. Das Buch liegt auf meinem Tisch. Mir bleibt wohl keine andere Wahl...“

Konnte es wirklich wahr sein?

Doria gab sich geschlagen?

 

 

Leise öffnete Angus die Tür seiner Bibliothek.

Er zündete seine Laterne an und setzte sich vor die angebrannten Bruchstücke des Lesepults.

Geräuschlos schlug er das Buch auf. Viele der Seiten waren blutbefleckt und durchgeweicht. Angus blätterte weiter und weiter.

Auch er entdeckte die fremden Schriftzeichen.

Doch für einen gelehrten Bibliothekar wie ihn, war es keine Schwierigkeit sie zu entziffern.

Es wird geschehen, niemand wird es verhindern!“, las er.

Was konnte das wohl bedeuten?

 

~*~*~

 

Die Tür ihres Zimmers wurde geöffnet.

Als Kasimir eintrat, atmete Doria auf.

Endlich konnte sie ihm es sagen, sie brannte darauf.

Oh Kasimir, es ist etwas Böses geschehen. Ich muss es dir dringend erzählen!“, rief sie aufgeregt aus.

Er nickte nur und Doria fing an zu berichten: „Nun gut, heute Nacht erwachte ich, weil ich das Gurren der Tauben hörte. Es war seltsam, ich konnte nicht wieder einschlafen. Da hörte ich, wie jemand durch den Korridor lief. Eine Tür wurde aufgemacht. Sie wurde geschlossen. Dann öffnete jemand meine Tür und ich erkannte voll Schrecken Angus. Angus dachte ich würde schlafen und schlich durch mein Zimmer. Ich drehte mich mit dem Gesicht zu ihm und sagte: „Ich weiß, dass Sie in meinem Zimmer sind, Angus. Ich bin nicht doof.“ Er drehte sich zu mir, fragte mich nach dem Buch und dann sagte er, dass wir die einzigen wären, die ihn sehen könnten. Ich habe ihm gesagt, wo das Buch ist und er hat es einfach mitgenommen. Schrecklich, nicht wahr? Jetzt hat er das Buch und wir haben nur noch ... doch – ja! Wir haben das Pergament!“

Aufgeregt lief sie zum Tisch und entfaltete es. Die Schrift war nur noch schlecht zu lesen, doch es waren glücklicherweise Buchstaben, die auch Kasimir kannte.

Doria, ich habe das eben nicht richtig verstehen können. Angus war in deinem Zimmer, richtig? Und er hat das Buch mitgenommen? Außerdem hat er erwähnt, dass wir die einzigen sind, die ihn sehen können.“

Doria nickte zur Bestätigung.

Und was hat dies alles mit den Tauben zu tun, Doria?“, fragte Kasimir.

Sie erwiderte: „Durch deren Gurren bin ich doch aufgewacht.“

Aber warum sind denn die Tauben mitten in der Nacht wach? Das ist doch komisch.“

Doria zuckte mit den Schultern.

Das wusste sie auch nicht.

Aber es beschäftigte sie nun:

Wodurch waren die Vögel aufgeweckt worden?

Womöglich auch durch Angus?

Kasimir widmete sich wieder dem Pergament. Er besah es von beiden Seiten und las es dann.

Schließlich gab er es Doria.

 

Die Schlacht der Blutgetränkten mit den schwarzen Herzen gegen die Schneeweißen mit den reinen Herzen wird in einer Nacht des verlorenen Mondes geschlagen werden.

Mut und Zusammenhalt bringen eine Seite zum Sieg.

Bereitet euch vor für den Kampf.

 

~*~*~

 

In dem unversehrten Teil seiner Bibliothek wartete Angus auf die Nacht.

Es schrieb aus Langeweile alte Bücher ab und wischte mit einem Tuch den Staub von ihnen.

Eigentlich hatte er beschlossen, nicht die verbrannten Galerien zu betreten, doch er tat es trotzdem.

Unter seinen Füßen knirschten verkohlte Regalbretter, Asche und verbrannte Pergamentseiten. Mit seinen bleichen Fingern schabte er Ruß von den Einbänden verschiedener Bücher.

Traurig sah dieses Schlachtfeld aus, traurig und verlassen.

Angus kam zu einer Treppe.

Viele ihrer Stufen waren verbrannt. Das kunstvoll bearbeitete Geländer ragte aus der Treppe wie kahle Baumstämme.

Der Bibliothekar verwandelte sich in die Krähe und flog mit nur wenigen Flügelschlägen die Treppe hinauf.

Oben angekommen verwandelte er sich wieder in einen Menschen.

Hier sah es nicht viel ordentlicher aus als unten. Ruß bedeckte die große, wundervolle Buntglas-Kuppel, die bei Sonnenschein die Bibliothek sonst immer in ein wunderbar geheimnisvolles Licht getaucht hatte.

Die ganzen Bücher mit den Aufzeichnungen über Schlachten und Reisen waren verbrannt. Ebenso viele Schulbücher und Geschichten über Riesen, Zwerge und Feen.

Doch Angus kümmerte dies alles nicht. Er wollte nur seine Unsterblichkeit.

 

 

Leise huschte Angus von Tür zu Tür. Die Bibliothek hatte er schon hinter sich gelassen, doch bis zum Gemach der Prinzessin war es noch ein Stück zu laufen.

Endlich war er angekommen.

Lautlos betrat er das Zimmer.

Mädchen, du hast mir etwas zu sagen!“, flüsterte Angus mit rauer Stimme.

Nicht in diesem Ton!“ Doria drehte sich in ihrem Himmelbett um.

Weg von Angus.

Doch Angus kam zu Doria.

Er zückte den Dolch.

Oh doch – in diesem Ton! Na, was ist? Hast du Angst?!“

Doria starrte den Dolch panisch an.

Bitte nicht, Angus. Bitte.“

Der Bibliothekar ließ das Messer sinken.

So, ich werde dich jetzt etwas fragen und ich erwarte eine ehrliche Antwort!“, sagte er forsch.

Sie nickte.

Als ich das namenlose Buch aufschlug stand da nur ein Satz:

 

Es wird geschehen, niemand wird es verhindern.

 

Außerdem waren im ganzen Buch Blutflecken. Mädchen, was soll das bedeuten?!“, fuhr er sie an.

Sie schüttelte den Kopf.

Was? Was ist, Mädel? Sag!“

Ich weiß es nicht. Als ... als ich ... wir das Buch gelesen haben, stand da:

 

Schlage mich auf und finde die Worte.

 

Mehr nicht.“

Soll das ein dummer Scherz sein? Sag mir die Wahrheit!“

Angus, ich bitte Sie. Ich habe nur die Wahrheit gesagt, nichts als die Wahrheit! Verschonen Sie mich bitte!“

Doria war den Tränen nahe.

Angus sah der Prinzessin in die Augen. Dann wandte er sich ab und ging.

 

 

 

Kapitel 15 (Mut und Zusammenhalt)

 

Es war nachts.

Eine dunkle, schwarze Nacht.

Der Mond schien nicht und dicke schwarze Wolken sammelten sich am Himmelszelt, sodass die Sterne nicht zu sehen waren.

Eine wirklich unheimliche Nacht.

Vom Boden aus stieg viel Nebel auf. Es war nicht dieser dichte, weiße Nebel, der einen vertraut umgibt und in dem man das Gefühl hat, man wandle zwischen den Wolken. Es war eine Art von Nebel, in der man sich beobachtet fühlt.

Von allen Seiten beobachtet - und verfolgt.

Doria erhob sich aus ihrem Bett. Sie ging durch eine Tür in ihr Ankleidezimmer. Dort suchte sie sich aus einem der Schränke ihr weißes Kleid mit den schwarzen Litzen und dem schwarz geschnürten Mieder.

Sie hatte es letzten Winter selbst entworfen, denn ihre Mutter wollte unbedingt, dass sie sich ein wenig mehr wie eine Prinzessin benehmen sollte und sich daher mehr für Kleider zu interessieren hat. Herausgekommen war dabei das Kleid, das beiden sehr gefallen hatte.

Warum sie ausgerechnet dieses Kleid nahm war ihr selbst unklar, doch sie wusste genau, dass heute Nacht etwas wahr werden würde, von dem Kasimir und sie niemals träumen würden.

 

 

Doria spürte diese Nacht mit allen ihren Sinnen.

Die feinen Tröpfchen des Nebels fühlte sie auf ihren Händen und im Gesicht.

Die kalte, fremde Luft roch sie, der Wald war ihr heute Nacht nicht vertraut.

Die unheimlichen Geräusche dieser Nacht hörte sie, obgleich es so seltsame Geräusche waren, dass sie sie nicht hören wollte.

Der frische Neuschnee knirschte leise unter ihren Stiefeln.

Den Nebel sah sie, die Wolken sah sie, dennoch konnte sie sich nicht sehr gut orientieren.

Doch obwohl sie diese Nacht so gut spüren konnte, war sie ihr unheimlich und es wirkte alles beängstigend.

Doria glaubte schon, sich verirrt zu haben, als sie sich plötzlich auf einer Lichtung wiederfand. Es war aber nicht die Lichtung, wie sie sie kannte, nicht die Lichtung, auf der Kasimir und sie sich mit den Pferden immer im Schwertkampf geübt hatten.

Diese Lichtung war ihr fremd.

 

~*~*~

 

Kasimir stand auf.

Er ging in das Kleiderzimmer seines Vaters. Dort suchte er sich dessen schwarze Hose. Er zog sich schnell seine beste weißes Tunika über und legte den immer wieder vererbten Gürtel an, auf dem das Wappen der Familie zu sehen war:

Ein kunstvoll gestickter Phönix, der unsterbliche Vogel. Dann zog Kasimir seine Lederstiefel an.

Warum hatte er sich so gekleidet?

Er selbst wusste es nicht, er wusste nur, dass heute Nacht etwas Unglaubliches aber zugleich auch Wichtiges geschehen würde. Er konnte nichts tun. Die Bewegungen wurden alle von ihm selbst ausgeführt, jedoch ohne dass er es kontrollierte. Kasimir spürte alles um ihn herum. Er handelte gegen seinen Willen.

Alles, was geschah, war unheimlich und fremd.

Und ganz sicher würde das Pergament damit zu tun haben.

 

 

Draußen war es kalt, dunkel und ungemütlich.

Die Nacht war beängstigend.

Nebel und Schnee verbargen etwas.

Die Geräusche verhießen nichts Gutes.

Die Luft war kalt. Zu kalt.

Nur umkehren, das konnte Kasimir nun nicht mehr. Er hatte sich nun auch dafür entschieden. Er vertraute nun doch auf seine Gefühle.

Plötzlich sah er eine weiße Gestalt im Schnee.

Gebannt sah er zu ihr hinüber.

Vorsichtig ging er weiter.

Die Gestalt drehte sich um und sah ihm ins Gesicht, sie hatte ihre Augen geschlossen.

Doria?“, flüsterte er fragend, wobei er langsam näher kam.

Kasimir?“, fragte seine Schwester. Sie schlug nun langsam ihre Augen auf und blickte sich um.

Doria, du bist es“, sagte er erleichtert.

Schnell lief Kasimir zu ihr.

Wo befinden wir uns?“, fragte sie ihn. „Ich dachte ich würde schlafen. Ich träumte davon, dass ich mich so kleiden würde und durch den Wald ginge. Ich spürte meinen Traum aber so, als ob ich alles wirklich getan hätte. Und nun bin ich hier. War es etwa doch kein Traum?“

Kasimir sah sich um. Er antwortete schließlich: „Mir erging es ähnlich, Doria. Ich erwachte in Vaters Kleiderzimmer. Dort kleidete ich mich ein – aber ich hatte keine Gewalt über meine Hände und auch meine Füße, Augen und Arme gehorchten mir nicht. Ich fühlte mich wie in meinem eigenen Körper gefangen. Meine Beine trugen mich bis hierher. Während ich hierhin lief, ließ ich mich immer mehr auf alles ein, vertraute meinen Gefühlen und stellte nicht alles in Frage. Beim Betreten dieser Lichtung war ich wieder eins mit meinem Körper. Ich weiß nicht, was passiert ist oder noch passieren wird, aber ich habe das Gefühl, dass es etwas mit dem Pergament, Angus und allem anderen zu tun haben könnte.“ Während er die Bäume musterte, fügte er noch hinzu:„Wir übrigens sind auf einer Lichtung, doch es ist nicht die unsere.“

Doria sah sich ebenfalls um. Die beiden umringten viele hohe Tannen und einige kahle Erlen, die knorrig und verdreht gewachsen waren und daher in der Dunkelheit gruselig wirkten.

Wie fremde Kreaturen und Ungeheuer.

Der verschneite Boden war von einigen Grasbüscheln bewachsen, im Schatten der Bäume konnte Kasimir verschrumpelte Pilze und Farne erkennen. Hartgefroren war die schneebedeckte Erde.

Unter einigen hohen Tannen neben einer der gruseligen Erlen befanden sich mehrere Findlinge, von Moos überwuchert, von Schnee bedeckt.

Doch vor den Steinen entdeckte Kasimir etwas Bemerkenswertes.

Dort lehnten am Fels zwei Schwerter.

Die Klingen waren aus echtem Silber und glänzten im spärlichen Licht der Sterne und reflektierten dieses. Die Griffe waren aus Gold, sie glänzten auch. In der Mitte war ein Rubin eingelassen.

Neben den Schwertern lagen eine Krone und ein Diadem.

Die Krone war aus Gold, sie war wunderbar poliert und hatte zehn Zacken. Unter jedem Zacken war ein großer, glänzender Rubin eingesetzt worden. Das Diadem sah auch sehr schön aus:

Der silberne Rahmen umfasste acht wunderschön glitzernde Kristalle und in der Mitte glänzte ein im Marquiseschliff geschliffener Rubin.

Auf den Findlingen lagen auch noch zwei weiche Purpurmäntel, der erste hatte eine Schnalle auf der ein „D“ zu lesen war, der zweite besaß eine mit einem „K“ gekennzeichnete Schnalle.

Ist das ... ist das für uns?“, fragte Kasimir überwältigt.

Was meinst du?“, erkundigte sich seine unwissende Schwester.

Dort!“ Kasimir zeigte auf die Findlinge und die Schätze, die davor im Schnee lagen.

Doria staunte nicht schlecht. Schließlich fasste sie sich und ging mit großen Schritten auf die Sachen zu. Kasimir folgte ihr eilig.

Er legte den Mantel um und setzte die Krone auf - beides passte ihm wie angegossen. Das Schwert nahm er vorsichtig in die Hand.

Er versuchte einige Angriffe auszuführen:

Diese Waffe konnte er wunderbar führen.

Als Doria sich das Diadem ins Haar gesteckt hatte, den Umhang trug und ebenfalls das Schwert fest in den Händen hielt, traten dreizehn Männer aus der gegenüberliegenden Seite des Waldes hervor.

Angeführt wurden sie von...

Angus? Doria, das ist Angus!“, rief der Prinz erschrocken aus.

Angus trat einige Schritte vor und sagte mit beschwörender Stimme:

Jener, der das Buch findet wird ihn rufen.

Das schwarze Buch verleiht ihm die Magie den Tod zu finden.

In der endlosen Nacht ohne Mond am Grabe eines Henkers wird er Unsterblichkeit erlangen.

Jedoch können zwei ungleiche Gleiche ihn durch ihren Mut und Zusammenhalt ins Verderben führen.

Kommt euch das bekannt vor?“

Die Geschwister nickten.

Nun, ich bin derjenige, der unsterblich ist. Diese Männer sind die Jünger des Todes, meine treuen Begleiter. Ihr seid die ungleichen Gleichen. Wollt ihr mich wirklich ins Verderben führen?! Bedenket, wir sind elf Menschen mehr als ihr zwei Kinder.“

Von den Männern hinter Angus war lautes Gelächter zu hören. Mit einer Handbewegung gebot Angus ihnen jedoch Einhalt.

Die Geschwister nicken erneut, wobei Kasimir etwas zögerte.

Ihr seid des Todes!“, rief Angus laut in die schwarze Nacht.

Alle dreizehn Männer liefen mit erhobenen Waffen auf die beiden zu. Sie führten nicht so prächtige Schwerter wie die Zwillinge, die Schwerter der Männer waren aus Eisen und teilweise stumpf, da ihr Meister sie vermutlich aus der alten Waffenkammer im Schloss gestohlen hatte.

Der Nebel verdichtete sich wieder und Kasimir bekämpfte Rücken an Rücken mit Doria die Jünger des Todes. Er schwang sein Schwert durch die Luft, streifte dabei einen der Jünger am Arm und traf einen weiteren damit in die Wade, sodass viel Blut floss.

Kasimir!“, rief Doria aufgeregt. „Wir müssen uns trennen, so können wir nicht kämpfen!“

Und schon war sie im Kampfgetümmel verschwunden.

Er parierte einen Hieb, der von vorn kam, wandte sich blitzschnell um und stach einem Mann, der von hinten angreifen wollte, in den Bauch.

Da die meisten Männer Bauern waren und daher ihr Schwert einigermaßen gut führen konnten, weil sie für ihre Lehnsherren in den Kampf ziehen mussten, war es für Kasimir nicht gerade leicht, gegen diese zu kämpfen, zumal dichter Nebel ihn umgab. Aber einige der Jünger waren bloß Städter, Landstreicher oder Gaukler vom Jahrmarkt und wussten sich nicht so geschickt zur Wehr zu setzen.

Ein Schwert verfehlte Kasimir nur knapp, der sich durch einen Sprung zur Seite retten konnte, und traf dafür einen anderen der Männer in der Brust, der daraufhin leblos zu Boden fiel.

Nun hatte der Prinz nur noch gegen sechs zu kämpfen.

Aber war war Angus?

Bedrohte er Doria?

Kasimir stach zielsicher einem der Jünger das Schwert in die Rippen, zog es aus dem toten Leib und parierte in letzter Sekunde einen gefährlichen Hieb von hinten, der ihn sein Leben gekostet hätte.

Erneut verfehlte ein Mann sein Ziel und erneut fiel ein Mensch tot zu Boden.

Der Nebel wurde dichter und Kasimir musste darauf achten, wo er hintrat, um ihn herum lagen vier tote Männer. Er hechtete zur Seite, sprang über eine Leiche und knickte beim Aufsetzen um.

Doria!“, rief er mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Doria!“

 

~*~*~

 

Doooriaa!“ Hörte sie ihren Bruder schreien.

Leute, lasst das Mädchen in Ruhe, hier, den könnt ihr kriegen!“, rief Angus seinen Jüngern zu.

Was war mit Kasimir geschehen?

Doria rannte den Männern hinterher, ihr Schwert hoch erhoben.

Geht weg! Aus dem Weg! Lasst sofort meinen Bruder in Ruhe!“, schrie sie mit einer irrsinnig lauten Stimme.

Sie stieß mit der silbernen, blutverschmierten Waffe mehrere Männer weg, stach einen in den Rücken, trat um sich und stellte sich schützend vor ihren verletzten Bruder.

Kasimir, ich garantiere dir, es wird dir nichts geschehen, mein Bruder!“

Sie wehrte einen Schwerthieb ab, sprang auf ihren Gegner zu, nur um ihn im nächsten unaufmerksamen Augenblick mit ihrem Schwert in die Magengegend zu treffen.

Doria drehte sich um, schlug einem Mann das Schwert aus der Hand, lief zur Seite, wirbelte herum und sah, wie ein Jünger seinem Komplizen ungewollt die Schwerthand abschlug.

Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz an ihrer linken Schulter. Im nächsten Moment floss Blut aus der Wunde, doch sie ignorierte dies.

Einem Mann schlug sie einen Flügel ab, als er sich in eine Krähe verwandeln wollte. Er stürzte zu Boden, seinen Schnabel im Menschengesicht weit geöffnet.

Sieben Männer lagen tot am Boden, sieben hatte sie noch zu besiegen, einschließlich Angus.

Von der Seite kam ein Angreifer, Doria wirbelte zu ihm herum, stieß ihn zurück, schlug im das Schwert aus der Hand, dieses traf einen anderen im Hintern, der laut aufschrie. Der Angreifer bückte sich, wollte Kasimirs Waffe stehlen, doch die Prinzessin stach in seinen Hintern und rief:

Nein, Junge, alles nur nicht dieses Schwert!“

Sie stach ihn noch einmal, schlug ihm dann die Hand ab und trat ihn weg.

Wo war Angus?

Egal, Doria drehte sich nach links, trat einem Jünger in den Bauch, stach ihm ins Herz. Blut floss aus dem Schnitt hervor, der Mann fiel auf Kasimir, der ihn schnell weg stieß.

Von hinten kam ein weiterer Jünger, Doria traf ihn an der Schulter, parierte, stach zu, wich schnell nach rechts aus, schnitt ihrem Gegner in den Rücken und trat ihn in die Seite. Dieser fiel und blieb schwach am Boden liegen.

Zu zweit kamen Männer auf sie zu, einer von rechts, einer von links.

Angus war immer noch nicht da.

Die Prinzessin stellte dem ersten ein Bein, traf den anderen im Bauch und erstach den ersten. Der zweite wollte sie angreifen und hatte sein Schwert erhoben, das Mädchen aber parierte seinen Hieb, griff an, wehrte die gegnerische Waffe ab, schlug seine Hand mit dem Schwert weg, drehte sich im letzten Moment um und duckte sich. Der von hinten kommende Mann hatte den anderen erstochen.

Doria trat um sich, stach zu, wich aus, stellte sich vor Kasimir, als dieser angegriffen wurde und trat den Angreifer nieder. Dann schlug sie ihm den Kopf ab.

Angus war nicht da.

Die Prinzessin reichte ihrem Bruder die Hand und half ihm auf.

Danke, Doria. Danke, dass du mich beschützt hast“, sagte er und lächelte sie an.

Bitteschön, gern gemacht. Mich beschäftigt im Moment etwas anderes...“, erwiderte sie.

Langsam drehte sie sich um.

Aber Doria, deine Schulter ist aufgerissen, du blutest!“

Das ist nicht schlimm.“

Dorias Blicke wanderten über das Bild, das sich ihr bot.

Vor ihren Füßen lagen viele blutende Menschen, die meisten davon tot, einige wenige kämpften noch um ihr Leben.

Blutverschmierte Schwerter lagen im Schnee, der Nebel umgab sie wie ein Gewand.

Hatten sie beide allein wirklich so etwas vollbracht?

Kasimir und sie?

Nicht einmal im Traum hätte Doria daran gedacht, solch derartiges zu tun. Sie bereute es.

Doch sie erinnerte sich wieder an ihre Mutter, die Königin.

Nein, es war nicht umsonst! Es war für Mutter, für ihr Leben. Ich habe den Tod von Nikolaus gerächt, den Tod der unschuldigen Menschen, die nur allein durch die Mordlust dieser Leute getötet wurden!“, sagte sie aufgebracht.

Doria?“, fragte Kasimir zögernd.

Sie sah ihn an und wollte ihm etwas sagen, als sie plötzlich Kasimirs merkwürdig leeren Blick bemerkte.

Er stand da, auf sein Schwert gestützt, den Blick in die Ferne gerichtet. Ab und zu nickte er leicht.

Dann sagte er: „Ja ... ja, ich werde es Doria erklären. Ja ... natürlich.“

Kasimir?“

Plötzlich umarmte er seine Schwester und erwachte aus der Trance.

Kasimir, was war? Du ... es sah seltsam aus. Was ist geschehen?“, fragte sie ihn.

Meine Schwester, ich erkläre dir alles. Es mag dir komisch vorkommen, aber wir müssen uns von Angus umbringen lassen...“

Mehr konnte er nicht sagen, denn Doria unterbrach ihn aufgebracht: „Umbringen? Uns von Angus umbringen lassen? Von Angus?! Kasimir, niemals werde...“

Pssst, leise! Ich sagte ja, es wird seltsam für dich sein. Das, was eben mit mir geschehen ist, das war ... ich habe mit dem Tod gesprochen. Höre mir zu! Ich habe mit dem Tod gesprochen. Erinnerst du dich noch an das Pergament?

Mut und Zusammenhalt bringen eine Seite zum Sieg.

Zusammenhalt haben wir - oder mehr du - im Kampf bewiesen, in dem du mich geschützt hast. Und Mut müssen wir dadurch beweisen, dass wir uns von Angus töten lassen.“

Doria war entsetzt.

War es nicht schon mutig genug gegen dieses Mörderpack zu kämpfen?!“

Ihr Bruder schüttelte den Kopf.

Nein, das konnte ja wohl nicht wahr sein!
Sie sollte sich von Angus ermorden lassen?

Lachhaft!

Meister Angus? Sind Sie zufällig hier?“, fragte Kasimir.

Aus dem Nebel trat Angus hervor.

Ich habe einen Wunsch, Meister Angus. Sie besitzen doch diesen wunderbaren kristallinen Dolch, der einen Griff aus Ebenholz hat. Würden Sie die Güte besitzen und uns beide dadurch sterben lassen?“, erkundigte sich der Prinz.

Nein, tun sie es nicht, Angus. Bitte!“

Ihr Bruder war verrückt geworden!

Sie musste ihn von dieser wahnsinnigen Idee abbringen.

Sie musste ihn irgendwie zum Schweigen bringen!

Doch Kasimir nahm das Schwert in die linke Hand, ergriff Dorias Hand mit der rechten und schloss die Augen.

Was blieb der Prinzessin nun anderes übrig, als es ihm nach zu tun?

Sie spürte noch, wie ihre Seele den Körper verließ, dann umgab sie die Dunkelheit.

 

 

 

Kapitel 16 (Des Todes Reich)

 

Als die Geschwister ihre Augen aufschlugen, fanden sie sich auf der Lichtung wieder, die sie vom Sommer noch in Erinnerung hatten.

Die Sonne stand hoch und schien hell und um die Beine der beiden Königskinder streifte das kniehohe Gras, zwischen den einzelnen Halmen wuchsen viele verschiedene bunte Blumen.

Die Kinder sahen auf und erblickten ein wundervolles eisernes Tor, das rechts und links von einer Mauer gestützt wurde.

Die Mauer war aus Marmor und Rosen und wilder Wein wucherten von hinten über das Gestein, schlängelten sich um die Eisenstäbe des Tors.

Hohe Weiden und Pappeln wuchsen hinter der Mauer und viele Äste der Weiden wagten es, über die Abgrenzung hinüber zu wachsen.

Draußen stand eine große, mächtige Eiche, vor dem Mauerwerk, vor der hübsch und kunstvoll geschmiedeten Pforte.

Als Kasimir und Doria bemerkten, wer dort von der Einfriedung wartete, stießen sie einen Freudenschrei aus und liefen beide gleichzeitig los.

Stürmisch fielen sie ihrer Mutter um den Hals, die die Umarmung ebenso liebevoll erwiderte.

Doria drückte ihre Mutter fest und ging dann weiter zu ihrem geliebten Nikolaus, der auch neben der Eiche wartete. Sie tätschelte ihm den Hals, umarmte ihn und küsste den Wallach auf die Nüstern.

Kasimir strich seiner Mutter durch das Haar, umarmte sie lange und verbeugte sich schließlich vor ihr.

Mutter, Sie sind wieder da. Endlich können wir Sie wiedersehen!“, strahlte er. Der Prinz war überglücklich.

Nun hatte auch er die Stute bemerkt, seine treue Penelope.

Kasimir stieg auf, klopfte sein Pferd, umarmte es. Er wuschelte ihr durch die Mähne und versuchte, sie an den Ohren zu kraulen.

Dann ritten Doria und er, angeführt von Caecilia, auf die große Pforte zu.

Sie öffnete sich und die Königsfamilie sah bunt blühende Blumenwiesen, klare dahin plätschernde Bäche und fröhlich spielende Tiere. Alte und junge Menschen lebten hier, große und kleine Bäume wuchsen dort, es flossen starke und schwache Ströme.

Vor sie trat der Tod.

Keiner der drei erschrak.

Seid gegrüßt Eure Majestät, die Königin. Eure königliche Hoheit, die Prinzessin. Eure königliche Hoheit, der Prinz.“

Der Sensenmann verbeugte sich drei Mal und richtete sich dann wieder auf.

Prinzessin Doria, Prinz Kasimir. Ich bewundere Eure Stärken sehr:

Euren Willen zu siegen, Euren Mut, Euren Zusammenhalt, Eure Fähigkeit zu kämpfen. Ihr wart sehr mutig, sehr tapfer und dadurch hab ihr dem Leben von Angus ein Ende bereitet. Er existiert nun nicht mehr - kurz nach Eurem Ableben löste er sich im Nebel auf. Den Jüngern, meinen Jüngern, nein, wohl eher deren Leichen, erging es ebenso schlecht.

Wie Ihr seht kann nun Eure Mutter in mein Reich und sie hat das ewige Leben erlangt. Euren Pferden geht es ebenfalls gut, sie wollten unbedingt die Zeit abwarten, bis Ihr kommt.

Nun geht, Ihr hab zwar alle Zeit, doch das ewige Land birgt viele unerwartete Überraschungen, die noch zu entdecken sind!“

Mit diesen Worten gab der Tod den Weg frei.

Doria, Caecilia und Kasimir betraten langsam und sich verwundert umsehend des Todes wunderbares Reich.

 

~*~*~

 

Sie konnte ihr Glück nicht fassen:

Sie hatte Kasimir und Doria wiedergefunden und konnte nun das ewige Leben erlangen. Ihre beiden Kinder hatten den Jüngern des Todes ein Ende bereitet.

Zu zweit gegen dreizehn Männer!

Die Königin war sehr stolz auf die beiden:
Es war bewundernswert, dass Doria und Kasimir die Prophezeiung erfüllen konnten, allein durch ihren Willen. Sie hatten mutig gekämpft, den meisten Teil hatte Doria zwar getan, weil ihr Bruder sich den Fuß bei einem Sprung verstaucht hatte, aber trotzdem war es von beiden mutig gewesen.

Doria, eigentlich ... eigentlich muss ich mich schämen:

Du bist die Prinzessin und kämpftest besser als ich – du musstet mich beschützen. Mich, den Prinzen!“

Doria lächelte. Caecilia hatte ihnen zugehört.

Kasimir, mein Sohn. Du bist umgeknickt - ich sah es, doch davor hast auch du tapfer gekämpft. Ich sah auch, wie du versuchtest mit Doria zu kämpfen, als du am Boden lagst.“

Mutter, Sie ...?“

Der Prinz sah sehr ratlos aus.

Ja, meine Kinder. Ich war dabei, ich beobachtete euch bei allem, was ihr tatet. Als Geist stand ich im Schatten der Bäume, bereit, jede Sekunde sichtbar zu werden und euch zu helfen“, erklärte die Königin.

Die fünf ( Penolope und Nikolaus mitgezählt) gingen langsam über den Feldweg. Rechts und links ebenso hohes Gras wie auf der Lichtung vor dem Tor, das sie schon einige hundert Meter hinter sich gelassen hatten.

Mutter, Kasimir! Seht nur!“

Die Prinzessin deutete auf die Wiese rechts von ihnen. Caecilia sah dorthin und erblickte zu ihrer Überraschung eine prachtvolle Kutsche.

Wunderschön schwarz war sie lackiert. An den Ecken des Dachs hingen kleine Silberglöckchen, auf den Türen prangte das Wappen der königlichen Familie als kunstvolles Mosaik, gefertigt aus Edelsteinen:

Der aus der Asche auferstehende Phönix.

Ja“, dachte Caecilia. „So sind wir. Wie Phönixe, bevor wir sterben verlieren wir alles – es gleicht dem Vogel, er verliert sein Federkleid, wir unser Leben. Wir sterben, alles scheint verloren, doch dann werden wir neu geboren:

Hier an diesem Ort, es fängt alles von neu an. Nur schade ist, dass dieser Vogel nicht existiert.

Oder sind wir etwa selbst derartige Tiere?“

 

 

Da weder die Königin noch der Prinz wirklich wussten, wie Pferde in eine Kutsche einzuspannen waren, übernahm Doria diese Aufgabe:

Sie hatte aus freien Stücken schon oft genug den Stallburschen dabei geholfen und wusste sich so relativ geschickt in dem Gewirr aus Lederriemen, Ösen, Metallteilen und Häkchen zurechtzufinden.

Sie war auf den Kutschbock gestiegen und führte das Gefährt sicher über den holprigen Feldweg.

Bald kamen sie zu einem Schloss – einem Palast!

Es ragten sechs Türme aus den hohen, symmetrisch angeordneten Sandsteinmauern des Gebäudes.

Drei ungefähr gleich große standen auf der einen Seite links, ein kleinerer Turm etwas weiter in der Mitte, doch trotzdem links, und zwei ungleich große Türme standen näher beieinander und wuchsen anscheinend aus der rechten Seite des Palastes. Vor den Palastmauern erstreckte sich ein großer, geschotterter Hof mit einem Springbrunnen in der Mitte, welcher umgeben war von exotischen Pflänzchen und Blumen.

Als die Kutsche auf dem Hof vor der prunkvollen Steintreppe vorfuhr, eilten sofort mehrere Diener herbei, öffnete die Tür der Kutsche und halfen Doria verwundert vom Kutschbock.

Doria, meine Tochter, Kasimir, mein Sohn“, rief Caecilia ihre Kinder zu sich.

Ihr war eben eine wichtiger Gedanke gekommen.

Was war mit ihrem Gemahl?

Was war mit Leonhart, dem König?

Meine Kinder, ihr müsst zurück. Ihr müsst euren Vater, meinen Gatten davon unterrichten. Ihr müsst ihm als Geist erscheinen und alles erklären, sonst bringt er sich aus lauter Selbstmitleid selbst um. Bitte, ich konnte nur einmal gehen.“

Flehend blickte Caecilia ihre Kinder an.

Doria sah zu einem der Diener und fragte: „Gibt es hier einen Platz, an dem die Kutsche untergebracht werden kann? Mein Bruder und ich gedenken „auszureiten“, daher benötigen wir die Pferde noch.“

Natürlich, Eure königliche Hoheit, natürlich gibt es hier einen Unterstellplatz dafür. Wenn ihr mir folgen würdet...“

Der junge Diener verbeugte sich und wies mit der Hand in eine bestimmte Richtung. Doria kletterte den Kutschbock erneut hinauf und forderte Kasimir und den Knecht dazu auf, sich neben sie zu setzen.

Die Königin musste schmunzeln.

Normalerweisen hätte sie ihre Kinder, am meisten Doria, zurechtgewiesen, es gehörte sich für eine Prinzessin und einen Prinzen einfach nicht, auf dem Kutschbock zu sitzen und dann auch noch selbst zu fahren, nur Caecilia wusste, dass das Belehren - vor allem bei Doria - meist nichts nützte.

 

~*~*~

 

Penelope freute sich ebenso sehr wie Nikolaus:

Endlich hatten sie sich wiedergefunden.

Kasimir war wieder da!

Freudig zog sie mit dem Wallach die Kutsche und hielt brav an, als Doria das Zeichen dazu gab.

Sie hörte wie Kasimir von der Kutsche herunter sprang und spürte ihn kurz danach auf ihrem Rücken, die Mühe einen Sattel zu holen hatte er sich nicht gemacht.

Los, mein Mädchen. Komm wir reiten los!“, flüsterte er ihr leise zu. „Endlich bist du wieder da...“
Genau das dachte die Stute in diesem Augenblick auch.

Endlich, mein Kasimir, endlich bist du wieder da...“

Auf sein Zeichen hin galoppierte sie los - zusammen mit Nikolaus - über die saftig grünen, weiten Felder.

Immer schneller, immer schneller.

Die Freude ergriff sie, sie machte ein Wettrennen mit Nikolaus, wieherte laut und warf den Kopf nach hinten, sodass Kasimir die seidig weiche Mähne seiner Stute im Gesicht kitzelte.

Vor dem großen Eisentor hielt sie. Die Stute hob ihren zierlichen Kopf. Sie spürte, dass sich jemand Bekanntes näherte, sie spähte zum Wallach hinüber und las an seinen Ohren ab, dass er es auch spürte.

Vor den Pferden (und deren Reitern) erschien der Sensenmann. Er ging mit bedächtigen und langsamen Schritten - wie ein König, der mit jedem Schritt, den er tat, sein Dasein als Herrscher auskosten wollte. Er sprach zu den Zwillingen, doch dieses Mal verstand das Pferd, was gesagt wurde.

Wollt Ihr zu Eurem Vater, Eure königliche Hoheiten, der Prinz, die Prinzessin?“, fragte er.

Ja, Eure Unabänderlichkeit, dies ist unser Begehre“, erläuterte Nikolaus Reiterin, die Prinzessin Doria.

Wohl an, so sei es, ich lasse Euch passieren, Eure Hoheiten.“

Penelope nahm ein leises, kaum hörbares Quietschen des eisernen Tors wahr, als es wie von Geisterhand geöffnet wurde.

Sie schritt zusammen mit Nikolaus, Doria obenauf und Kasimir, ihrem Reiter, hindurch.

 

 

 

Kapitel 17 (Die Audienz beim König)

 

Kasimir fand sich nicht auf der Sommerlichtung wieder, sondern in der Allee vor der Burg. Rechts und links wuchsen hohe Rosskastanien und Linden.

Im Trab ritten er und seine Schwester auf ihr altes Zuhause zu. Dort, die Zugbrücke, sie war heruntergelassen, da sie keine Feinde zu befürchten hatten, den ganzen Tag kamen Diener und Kaufleute aus den angrenzenden Städten hinein und hinaus.

Trotz des dichten Gedränges auf der Brücke, kamen die Geschwister gut vorwärts. Sie waren schließlich nur Nebel und konnten als bloßer Geist einfach durch alles hindurch reiten.

Hinter der Zugbrücke, hinter der Festung herrschte reges Treiben. Von dort erst konnte man die wahre Schönheit des Schlosses wahrnehmen, innerhalb der Festung. Die Kapelle des Schlosses hatte wunderbar schöne und bunt hervorstechende Glasfenster und belebte das Gebäude und das Treiben drumherum um ein weiteres. Das Schlosstor war prachtvoll und groß, es war geöffnet, Diener eilten ein und aus.

Als eine Gruppe von Bediensteten an Kasimir und seiner Stute Penelope vorbei eilten, schnappte er einige Gesprächsfetzen auf.

Ja, Prinz und Prinzessin ... tot ...“

... Elizabeth Prinzessin ... blutüberströmt gefunden.“

Prinz ... nicht erschienen ... Frühstück ... ebenfalls blutüberströmt im Bett ...“

Solches Verbrechen begehen ... König am Boden zerstört.“

Kasimir wandte sich an seine Schwester: „Hörtest du auch, was die Diener sagten?“

Ja, da kommen wir - dank sei Gott - zur rechten Zeit.“

Er nickte und trieb Penelope an, einen etwas fleißigeren Trab zu laufen. Sie hielten vor dem Tor.

Sollen wir einfach ... hinein reiten?“, wollte Kasimir fragen, aber Doria trieb Nikolaus weiter an und galoppierte in die Eingangshalle.

Zögerlich tat er es ihr nach.

Sie ritt durch die Wand und gelangte zu einer Treppe. Kasimir hielt neben seiner Schwester und tätschelte die brave Stute am Hals.

Und nun? Der Thronsaal befindet sich ein Stockwerk höher, wie sollen wir die Treppe hoch reiten?“, fragte er.

Du hast doch gehört, was die Diener erzählten. Meinst du bei so einem Ereignis sitzt Vater trauernd im Thronsaal?“

Kasimir schüttelte den Kopf.

Wo sollen wir denn dann Vater finden?“

Ich vermute, dass er in der Kapelle kniet und betet“, erzählte Doria.

Zur Kapelle müssen wir aber auch die Stufen hinauf!“, bemerkte Kasimir. „Wie sollen wir das mit deinem Nikolaus und meiner Penelope schaffen? Hier lassen möchte ich die beiden nicht.“

Wie zur Bestätigung hob Penelope den Kopf und schnaubte laut. Kasimir sah sich um, aber keiner hatte sie bemerkt.

Wie denn auch – als bloße Seele?

Wenn wir uns ganz fest etwas wünschen, glaubst du der Wunsch erfüllt sich dann?“

Kasimir zuckte mit den Schultern.

Womöglich schon.“

Dann lass uns wünschen, in der Kapelle zu sein!“

Sie schloss die Augen.

Glaubte seine Schwester wirklich, dass es funktionieren könnte?

Nun ja, er war tot...

Versuchen schadete nicht.

Kasimir schloss ebenfalls die Augen.

Als er sie wieder öffnete, fand er sich vor der Tür der Kapelle wieder.

 

~*~*~

 

Leonhart kniete in der Kapelle und betete.

Lautlos bewegten sich seine Lippen und er flüsterte immer und immer wieder dasselbe Gebet.

 

Pater Noster, Qui Es in Caelis,

Sanctificetur Nomen Tuum,

Adveniat Regnum Tuum.

Fiat Voluntas Tua,

Sicut In Caelo Et In Terra.

Panem Nostrum Cottidianum Da Nobis Hodie,

Et Dimitte Nobis Debetia Nostra,

Sicut Et Nos Dimittimus Debetioribus Nostris.

Et Ne Nos Inducas In Temptationem,

Sed Libera Nos A Malo.

Amen

 

Dabei starrte er unentwegt auf das große Kreuz, das über dem Altar hing und an dem eine hölzerne Jesus-Figur festgenagelt war. Ein leidender Ausdruck lag sowohl in Jesus als auch in Leonharts Gesicht, beide weinten, hatten Schmerzen.

 

Jesus fühlt mit dir.

 

Eine wahrlich passende Weisheit.

Über dem Kopf der Holzfigur war ein kleines goldenes Schild befestigt, mit der Inschrift I.N.R.I, was hieß Iesus Nazarenus, Rex Iudorum.

Den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt, betete Leonhart immer weiter.

Sicut et nos dimittimus debetioribus nostris. Et ne nos inducas in temptationem...“

Plötzlich schluchzte der König laut auf.

Oh guter und allmächtiger Gott! Was habe ich getan, dass so etwas geschah? Sage mir, was! Warum mussten sie sterben?!“, weinte er verzweifelt.

Eine Träne nach der anderen fiel auf seine gefalteten Hände.

Warum?

Warum war dies geschehen?

Erneut fing er an zu beten: „Pater noster, qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum...“

Vater!, hallte da Dorias Stimme durch seinen Kopf.

Vater, drehen Sie sich um, bitte!, hörte er Kasimir sprechen.

Langsam drehte sich Leonhart um.

Waren dort etwa wirklich seine Kinder?

Ritten sie gerade wirklich auf Penelope und Nikolaus durch den Mittelgang der Bankreihen in der Kapelle?

Meine Kinder? Kasimir? Doria?“

Vater, Sie können nicht mit uns sprechen. Wir sehen zwar wie Sie Ihre Lippen bewegen, doch dieses Gespräch findet nicht in Wirklichkeit statt, alles ist in Ihren Gedanken. Nur Sie hören uns. Denken Sie, was Sie sagen wollen!, sagte Doria.

Die beiden Kinder hielten mit ihren Pferden.

Vater, wir sind tot. Das, was Sie nun von uns sehen, ist unsere Seele, unser Geist.

Der König war verwirrt und sehr, sehr verzweifelt. Das alles zu verstehen war schwierig für ihn.

Alles durfte mit seinen Kinder geschehen sein, nur sollten sie leben!

Vater, wir sollen Ihnen von Mutter sagen, dass Sie jetzt nicht aufgeben dürfen. Sie dürfen jetzt nicht verzweifeln!, sagte Doria.

Kasimir erklärte ihm: Jeder tut das im Leben, wofür er geboren wurde, er tut das, was er tun muss. Wir sind keinesfalls zu früh oder umsonst gestorben, Vater. Durch unseren Tod haben wir einem unheilvollen Grauen Einhalt geboten. Wir haben die Welt von diesem Grauen erlöst. Wenn Sie zu uns kommen werden, werden wir Ihnen alles berichten.

Übrigens, fügte Doria hinzu. Es kann nun wieder ein neuer Bibliothekar eingestellt werden. Der Bann, der jeden Bewerber sterben lassen hat, wurde gebrochen. Wir werden auf Sie warten, Vater, wir haben Zeit dazu.

Nehmen Sie sich eine neue Frau, Mutter wir es Ihnen nicht übel nehmen. Sie hat eine Schwester, die sehr liebreizend ist und ein ebenso hübsches Antlitz wie unsere Mutter besitzt. Leben Sie Ihr Leben, dafür haben Sie es!, ermutigte sein Sohn ihn.

Dann wendeten beide ihre Pferde vor dem Altar und galoppierten auf die Tür der Kapelle zu. Ehe sie diese erreicht hatten, waren die Zwillinge verblasst und kurz darauf verschwunden.

Wir sind immer bei dir, Leonhart, solange wir in deinem Herzen einen Platz haben!, hörte er noch die Stimme der Königin.

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