(Ohne Namen)

all © by Sophia, bunte-stories.jimdo.com

ACHTUNG:

Wer für diese Geschichte einen Titel findet, kann mir ja schreiben, das Gästebuch freut sich.

Kapitel 1


Ein Pferd ohne Reiter ist trotzdem noch ein Pferd,

aber ein Reiter ohne Pferd ist nur noch ein Mensch.

 

Tosender Applaus rauschte durch die Halle.

Wir freuen uns, der Siegerin Corinna Hemann und ihrem Pferd Diamond Bracelet zum gelungenen ersten Platz gratulieren zu können. Dieses Paar siegte im Stilspringwettbewerb mit 8.2 Punkten“, tönte der Moderator durch die Lautsprecher.

Conny strahlte das Publikum an.

Sie ist gut, isn't she?“

Gut?! Das ist gar kein Ausdruck! Fantastisch ist sie!“, jubelte Marion. „Sie kann sogar besser mit Bracie umgehen als ich! Es wird sie aber traurig machen, wenn ich ihr das sage...“

Was wird sie traurig machen? Conny hat gewonnen, that's all!“ Grace applaudierte lauter. „Whoo, Conny!“

Die übrigen Platzierten bekamen auch ihre Schleifen, dann wurden sie alle zur Ehrenrunde aufgefordert.

Conny war fantastisch. Im gestreckten Galopp drehten sie und Diamond Bracelet eine Ehrenrunde durch die Bahn. Jeder konnte sehen, dass sie beide das perfekte Reiter-Pferd-Dreamteam waren und dass sich Diamond Bracelet bei Conny richtig wohl fühlte.

Die große Tür in der Bande öffnete sich und die Reiter parierten ihre Pferde, um im Schritt hinaus zu gehen.

Marion und Grace verließen die Tribüne und hasteten dem Ausgang entgegen. Marion fasste ihr Pferd am Zügel, gratulierte Conny und führte sie beide auf die Wiese zum Hänger.

Grace folgte in einigem Abstand.

Hey, komm schon, Grace. Bracie tut nichts! Die springt höchstens über dich drüber!“, rief Conny.

Ihre Freundin schüttelte den Kopf. „ Nein, no way. Ich – ich traue mich nicht. Du kannst reiten, schön und gut. Ich... Für mich sind horses nichts.“

So gesehen, willst du damit sagen, dass du immer noch Angst hast?“, fragte Marion.

Ja, exactly. Genau das wollte ich sagen.“

Du redest schon genauso doof wie dein Vater. Nur dass Derick keine Angst vor Pferden hat“, sagte Conny.

Grace verdrehte die Augen. War das denn so schlimm, dass sie als „Bili“ Deutsch und Englisch mixte? Als Halbengländerin waren ihr natürlich als Kleinkind beide Sprachen beigebracht worden und um die deutsche Sprache nicht so kahl erscheinen zu lassen, bereicherte Grace sie, ganz wie ihr Vater, immer um einige englische Worte.

Mann, du... du verstehst das halt nicht. Ich bin a little bit afraid of horses. Diese wundervollen Tiere sind eben etwas einschüchternd, as I think. Und jetzt steig endlich ab, damit ich dir gratulieren kann!“

Als im selben Moment neben Grace ein Junge ein großes Pferd her führte, wich sie erschrocken zurück. Der Junge sah sie blöd an – bis sein Pferd ihm in die Hacken trat.

Also stieg Conny ab und Marion legte Diamond Bracelet eine warme Decke über den Rücken.

Mit einem herzlichen Lachen lief Grace nun auf ihre Freundin zu und umarmte sie lange und fest. Danach sagte sie: „Alles Gute und herzliche congratulations zum ersten Platz! Du und dieses horse, ihr seid ein Dreamteam, wirklich!“ Aber dann senkte sie ihre Stimme und sagte leise zu Conny: „Marion will dir übrigens irgendetwas trauriges erzählen. Ich weiß zwar nicht was, but sie sprach davon.“

Conny sah Grace skeptisch an, erwiderte aber nichts.

 

 

Um sie herum wurden nun viele Anhänger-Klappen geschlossen, Autotüren zugeschlagen und Motoren gestartet. Auch Marion und Conny verluden Diamond Bracelet, die Stute stieg mit polternden Schritten in den Anhänger, Marion Schloss die Klappe und Conny schlüpfte durch die „Hühnertür“ ins Freie.

Grace hatte es sich schon auf der Rückbank von Marions Auto bequem gemacht und wartete darauf, dass die beiden einstiegen. Conny setzte sich zu Grace nach hinten – der Beifahrersitz war besetzt von irgendwelchen Papieren, Pferdesachen und CDs – und Marion startete den Motor. Während der Springprüfung hatte es draußen geregnet, aber jetzt hatten sich die Wolken verzogen, sie Sonne schien hell und die Luft war sehr klar. Das Auto fuhr über die matschige Wiese, die als Parkplatz diente, bog ab auf die Landstraße. In gut ein einhalb Stunden würden sie wieder zu Hause sein.

Marion, mach mal deine „Queen“ CD an. „We are the champions“, für Conny und Diamond Bracelet“, sagte Grace munter.

Nein Grace, bitte nicht jetzt.“

Conny sah Grace verwundert an. Normalerweise hörte Marion immer liebend gerne Musik im Auto. Wenn sie es nicht tat, dann hatte das meist einen wichtigen Grund.

Warum denn nicht?“, fragte Conny.

Marion antwortete nicht. Sie sah in den Rückspiegel, in die Seitenspiegel und aus der Windschutzscheibe. Es herrschte Stille im Auto. Eine seltsame Stille.

Marion?“

Was? Hast du was gefragt, Conny?“, fragte sie, als sie ihren Namen hörte. „Ach so ja, warum wir keine Musik hören? Ja, vielleicht ist es besser in mache doch welche an. Die CD müsste da irgendwo auf dem Beifahrersitz liegen...“

Grace und Conny sahen sich noch verwunderter an als vorher. Schließlich fand Conny die CD und reichte sie Marion. Das erste Lied war schon „We are the champions“. Marion stellte die Musik leise. Dann atmete sie tief ein.

Conny. Ich muss dir was sagen.“

Grace warf ihrer Freundin einen viel sagenden Blick zu. Unsicher sagte Conny: „Okay, fang an...“

Und Marion holte noch einmal tief Luft. Dann sagte sie zaghaft: „Conny. Ich werde Diamond Bracelet verkaufen.“

Plötzlich herrschte erneut Stille im Auto. Im Hintergrund spielte der CD Player die nun wohl unpassendste Liedzeile für dieses Szenario ab: „We are the champions, you are the losers...“ Alle drei hielten den Atem an. Grace sah ihre Freundin vorsichtig an und bemerkte Tränen in ihren Augen.

Mit zitternder Stimme fragte diese ganz leise: „Warum?“ Conny sank zusammen und stützte den Kopf auf die Hände. „Marion, warum? Warum gerade jetzt?“

Conny, es tut mir ja so Leid, wirklich. Ich verstehe dich. Du und Bracie – ihr seid ein perfektes Team, manchmal passt ihr echt besser zusammen als Bracie und ich, was sag ich da? Nicht nur manchmal, es ist einfach fast immer so. Ich weiß, du hast ein Pferd gefunden, dem du in deinem Leben kein zweites Mal begegnen wirst, weil diese Stute einfach einzigartig ist. Es tut mir so Leid, aber ich habe jetzt meinen Studienplatz in Saarbrücken bekommen und da kann ich das Pferd weder mitnehmen noch hier stehen lassen. Ich werde ja gar nicht mal mehr so viel Zeit für sie haben. Conny, es tut mir wirklich schrecklich Leid, aber ich muss Bracie leider verkaufen“, sagte Marion traurig.

Conny blickte nicht auf während sie sich all das anhörte. Auch als sie sprach, saß sie immer noch zusammen gesunken da auf ihrem Sitz. „Marion, weißt du, gerade schien mein Leben so richtig perfekt zu werden. Und ich habe endlich eine Reitbeteiligung gefunden, zu der ich wirklich sagen kann, dass dieses Pferd mein Ein und Alles ist. Und dann kommst du!“ Conny schluchzte und Grace legte ihren Arm um die Schulter ihrer Freundin. „Ich – ich kann das einfach nicht glauben. Ich meine ... ach egal. Brace und ich, wir passen perfekt zusammen als Reiter und Pferd wir sind eins, wenn ich sie reite! Und jetzt...“ Sie fand keine Worte. Conny konnte nicht beschreiben was für ein Stich ins Herz das war, was sie gerade erfahren hatte. Ihr Traum, der endlich wahr geworden war – zerstört!

Wohin kommt sie denn?“, fragte Grace, um die Situation vielleicht irgendwie zu retten.

Ich weiß nicht mehr genau wie das heißt, wo sie wohnt, aber es ist im Norden von Deutschland, weiter oben in Niedersachsen. Irgendwo zwischen Celle und Hannover“, beantwortete Marion die Frage.

Conny seufzte. „Dann kann ich sie ja noch nicht einmal besuchen oder so. Das ist doch viel zu weit weg.“

 

 

Auf dem restlichen Stück Weg war es im Auto sehr leise. Es herrschten ein peinliches Schweigen und eine bedrückte Atmosphäre und irgendwann schaltete Marion das Radio an, aber auch nur auf die leiseste Lautstärke, die möglich war.

Sie fuhr auf der Autobahn, sah geradeaus und achtete auf den Verkehr. Nachdem sie Conny ihre „Trauerbotschaft“ überbracht hatte, dachte Marion erst einmal selbst darüber nach, was genau sie da Conny klar gemacht hatte. Als sie sich wirklich in Conny einfühlte, kamen ihr irgendwann selbst die Tränen, denn sie verstand plötzlich was genau sie da zerstört hatte. Nicht nur eine Beziehung war zunichte gemacht worden, sondern auch ein richtiger Traum. Ein Traum, der gerade angefangen hatte wahr zu werden, der weiter ging wenn man aufwachte. Und sie selbst kam sich vor wie der schrille Wecker, der klingelte und klingelte und sich nicht abstellen ließ bis alle Erinnerungen an diesen schönen Traum verdrängt und verblasst waren.

Conny hingegen sah die ganze Zeit geistesabwesend aus dem Fenster. Sie erinnerte sich an all die glücklichen Momente, die sie mit Diamond Bracelet verbracht hatte. Sie dachte daran, dass das nun alles vorbei sein sollte. Dann dachte sie nichts und sie dachte an Marion, die studieren wollte. Conny versuchte zu verstehen, was das für Marion bedeutete, endlich ihren Studienplatz zu bekommen, dann auch noch in Saarbrücken, ihrer Heimatstadt. Aber Conny konnte es nicht verstehen. Sie spielte mit dem Gedanken ihre Eltern zum Kauf des Pferdes zu überreden. Ganz spontan – zu dem anderen Interessenten könnte Marion ja irgendwas sagen, Conny würde sie bestimmt zu erst das Pferd geben. Aber ihre Eltern wollten kein Pferd. Ihre Eltern verstanden nicht, wie das war, ein Tier zu haben, das immer zu einem hält. Connys Eltern konnten sich solche Dinge nicht vorstellen, weil sie immer noch dachten Tiere hätten keine richtig starken Gefühle und könnten kein Vertrauen zu Menschen haben. Für diesen Irrglauben konnte Conny ihren Eltern stundenlange Vorträge über Emotionen und Tiere halten. Eine Möglichkeit irgendwie den Verkauf von Diamond Bracelet zu verhindern gab es für sie also nicht.

Grace war die einzige im Auto, die nicht an den Verkauf von Diamond Bracelet dachte. Sie fragte sich eher, wie sie nun mit ihrer besten Freundin umgehen sollte. Sie wusste, dass sich bei Conny bei so einer Situation immer alles nur um das Problem drehte. Anstatt nach vorn zu schauen, neue Möglichkeiten zu sehen und Hoffnung zu haben, fuhr Conny bei so etwas immer gegen die Wand anstatt früh genug zu erkennen, dass sie nun nach einer Lösung schauen musste. Grace dachte an Dinge, die Conny begeisterten und mit denen sie selbst ihre Freundin zum Aufschauen motivieren könnte. Außerdem malte Grace sich fantasievoll Marions Zukunft aus. Als junge Studentin lernte diese einen netten Mann kennen, sie heirateten kurz nach Abschluss des Studiums und suchten sich Arbeit. Womöglich zögen sie dabei in ein anderes Bundesland, beide bekämen gut bezahlte Jobs. Marion würde Kinder bekommen, und und und. Grace überlegte sich schon Details, wie Haar- und Augenfarbe von Marions neuem Ehemann und ihren Kindern, als ihr das schweigen zu bunt wurde. Wie konnte man nur so traurig sein?

Marion, wo sind wir gerade überhaupt?“

Gleich da. Noch 15 Minuten.“

 

 

Es war halb fünf am Nachmittag, als das Auto auf den Hof des Pensionsstalls fuhr und Marion und Conny Diamond Bracelet ab luden und versorgten. Um fünf stand Grace dann vor ihrer Haustür, nachdem sie von Marion dorthin gebracht worden war.

Hey, Grace, du bist wieder da!“, wurde sie begrüßt, als sie die Tür öffnete.

Wie hat Conny denn so abgeschnitten?“, fragte ihre Mutter.

Hast du endlich mal ein horse gestreichelt oder warst du immer noch so scared of them?“, lachte ihr Vater.

Hilfst du mir jetzt endlich - wegen der Mathearbeit?“, wurde sie von Hailey, ihrer Schwester gebeten.

Zu Hause, dachte Grace. Ein Ort an dem ich schon nach mindestens einer Stunde vermisst werde.

 

 

Drei Tage später bekam Grace eine SMS, gerade als sie auf dem Weg zu ihrem Freund Kevin war. Sie blieb mit ihrem Fahrrad stehen und las:

 

Marion hat gesagt, dass D.Brace morgen früh von ihrem neuen Besitzer abgeholt wird.

Voll der Mist. :/

Kannst du kommen und (wenigstens) ein letztes Mal mit mir zu Brace fahren?

<3 Conny

 

Grace schob ihren Drahtesel auf den Bürgersteig, um eine Antwort zu schreiben. Da sie sich ja eigentlich mit Kevin treffen wollte, beschloss sie kurzerhand ihn einfach mitzunehmen. Als sie die SMS abschickte, sah ihre Antwort folgendermaßen aus:

 

:) Kein Ding. Ich komm straightaway, „muss“ aber Kevin mitnehmen. :D

xx Grace

 

Und zwei Minuten später klingelte sie bei Kevin an der Haustür. Ihr goldblondes Haar war vom Wind zerzaust und sie saß schon wieder auf dem Fahrrad, als ihr Freund die Tür öffnete.

Take dein bike und los. Wir müssen zum Stall, emergency, Brace wird morgen verkauft.“

Prüfend sah Kevin sie an. „Ist was?“

Hab ich doch grad gesagt. Emergency, Brace wird morgen verkauft, Conny ist am Boden zerstört, wir müssen first-aid leisten.“

Da Kevin sie immer noch ratlos ansah, stellte Grace ihr Fahrrad ab, ging an ihm vorbei ins Haus und suchte seine Schuhe. Sie gab sie ihm, mit den Worten „Anziehen. Jetzt.“ Dann öffnete sie die Garage und schob Kevins Rad bis vor seine Tür und zog diese zu.

Aufsteigen, treten. Brauchst du noch mehr instructions?“

No. Den Weg zu Stall kenn ich ja wohl besser, oder?“, sagte er grinsend. Dann fuhren sie beide los. Auch wenn Grace den Weg schon einige Male gefahren war, Kevin kannte gefühlte tausend Wege, und mehr als die Hälfte davon begannen einige Kilometer hinter seiner Siedlung und führten durch eine romantische Kulisse bestehend aus Weizen- und Maisfeldern und Weiden für Vieh. Nachdem sie an etlichen Drainage-Gräben, Feldern und Weiden vorbeigefahren waren, durch eine Straße, die von Apfelbäumen gesäumt wurde, waren sie am Stall. Es gab mehrere Weiden und Paddocks, eine Halle und drei Außenreitplätze.

 

 

Die Zwei fanden Conny relativ schnell, denn sie stand am offenen Fenster von Diamond Bracelets Box. Ihre Reitbeteiligung befand sich aber nicht in ihrem Stall, sondern war auf einer der großen Weiden und graste.

Hey, da seid ihr ja...“, sagte Conny mit einer schlecht gespielten guten Laune. Auf ihrer Wange glitzerte eine einsame Träne und ihre braunen Augen waren leicht rot und feucht.

Oh Conny.“ Grace lief zu ihrer Freundin und umarmte sie. „Conny, du ... ich weiß was für ein shit das für dich ist. Es ist so, als ob ich nicht mehr zeichnen könnte. Als ob my Handyguthaben leer ist – für immer. Als ob ich nicht mehr sprechen könnte...“

Weißt du Grace, ich kann nicht mehr sprechen. Ich liebe Brace so, wie du Kevin liebst. Gegen dieses eine Pferd sind alle Jungs unnötig. Zumindest die bisherigen.“ Conny löste sich langsam aus dem Umarmung und sah Grace lange an. „Wenn du ein Pferd wärst Grace, dann wärst du sie. Ihr seid beide wunderbare ... Wesen. Wenn es dich nicht gäbe, wäre sie meine einzige beste Freundin und andersrum.“

Hey Conny. Ich hab schon gehört, was los ist. Mein herzliches Beileid – ich verstehe dich voll und ganz. Sacramento und ich gehören auch zusammen, wie Brace und du. Oder wie wir beide“, sagte Kevin mit einem Seitenblick auf Grace. „Aber manche Dinge kannst du nicht ändern. Sie passieren einfach.“ Und auch er umarmte sie vorsichtig. „Heyho, let's go. Brace steht noch draußen auf der Weide, oder?“

 

 

Zu dritt machten sie sich auf den Weg zur Weide, um das Pferd zu holen. Noch während sie gingen breitete sich in Grace ein seltsames Gefühl aus.

Es war ein unbehagliches Kribbeln, als wenn sie sich langsam mit Elektrizität aufladen würde. Sie bekam eine Gänsehaut und ihr wurde flau. Allerdings bemerkten weder Kevin, noch Conny irgendetwas. Kevin dachte an nichts bestimmtes und Conny war zu vertieft in den langsamen Abschied an ihre Reitbeteiligung.

Und als sie an der Weide angekommen waren und Diamond Bracelet Conny erkannte, galoppierte sie freudig zum Zaun. Über den Stromzaun hinweg streichelte Conny ihr „Halb-Pferd“. Dann holten Kevin und sie das Halfter der Stute, denn dieses hing in der Sattelkammer des Stalls, der an diese Weide grenzte.

Grace, die normalerweise immer mitkam und einen Sicherheitsabstand zu Pferden, diesen respektvollen Tieren, einhielt, blieb komischerweise am Zaun stehen. Sie wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund konnte sie nicht anders, als das Pferd anzusehen. Dieses unheilvolle Gefühl breitete sich immer mehr in ihr aus, ihr wurde etwas schwindelig und sie spürte, dass sie die Beherrschung über ihren Körper verlor. Grace wollte nicht das Pferd ansehen, sie wollte nicht die Hand heben und sie wollte erst recht nicht den Nasenrücken der Stute streicheln. Aber all dies tat sie.

In dem Moment, in dem sie Diamond Bracelet berührte, konnte sie sofort klar denken. Sie wusste alles und sie wusste plötzlich nichts mehr. Sekunden darauf wurde ihr schwarz vor Augen und sie hörte den dumpfen Ton eines Aufpralls, der – wie sie vermutete – von ihr stammen musste.

Sie spürte das Gras und die Erde im Gesicht.

Dann kam das Nichts.

 

 

Kapitel 2

 

Unsere größte Heldentat ist nicht,

nie zu fallen,

sondern jedes mal wieder aufzustehen.

 

Als Conny und Kevin mit einem Halfter und einem Strick zurück zur Weide kamen, sahen sie die am Boden liegende Grace. Sie lag mit dem Gesicht im Gras und es schien als atmete sie nicht.

Conny warf das Halfter zu Seite und lief sofort zu ihr. „Oh mein Gott, oh mein Gott.. Kevin was mach ich jetzt nur? Oh Gott – Grace! Hörst du mich?! Kevin...? Scheiße, mann was sollen wir bloß machen?“ Sie beugte sich zu ihr herunter. Kevin stand unschlüssig neben ihr, auch er wusste nicht, was sie nun tun sollten.

Grace, Süße. Darling, komm schon wach auf“, flüsterte er ihr ins Ohr und küsste sie kurz. „Conny, was sollen wir tun?“

Sie beide waren bisher noch nie in so eine Situation geraten – wie denn auch? Und jetzt lag ihrer beider Freundin reglos am Boden, mit dem Gesicht im Gras, atmete kaum bis gar nicht und sie standen allein vor ihr. Kevin und Conny hatten zwar beide schon vor einiger Zeit einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht - aber es war alles weg. Nichts, an nichts konnten sie sich erinnern. Schließlich ergriff Conny die Initiative.

Okay, okay. Warte mal. Erstmal drehen wir sie rum, mit dem Gesicht nach oben. Okay.“ Sie kniete sich mit Kevin neben ihre beste Freundin und drehte sie auf den Rücken. „Was jetzt, Kevin, was jetzt?“ Hilflos sahen sich die beiden an. Conny versuchte sich krampfhaft an den Inhalt des Kurses zu erinnern. Wie war das noch mal gewesen? Dreißig Herzdruckmassagen zu acht Atemzügen? Oder zwanzig zu drei? Aber wie sollten sie das bloß machen – es war niemand hier, um die Mittagszeit war es immer relativ leer am Stall. Und bis sie jemanden gefunden hätten... Wäre Grace schon längst tot? War da nicht etwas mit fünf Minuten, die entscheiden und so?

Bei dem Gedanken an Graces möglichen Tod zuckte Conny jäh zusammen. Kevin blickte auf. Verzweifelt sahen sie sich an, und beide wussten was der jeweils andere dachte. Sie mussten jetzt ein Leben retten. Vor Allem Conny wollte nicht noch jemanden verlieren – wenn Diamond Bracelet ging, war das schon genug.

Da durchzuckte sie blitzartig ein Gedanke. „Kevin – warte. Alles noch mal von neu. Erinnerst du dich? Diese drei „A“, weißt du noch? Angucken, Ansprechen, Anfassen oder so. Komm, wir müssen sie retten.“ Sie stand auf und ging einige Meter zurück. Dann stellte sie das Szenario nach, das sie im Kurs geübt hatten: Jemand liegt reglos auf der Erde – was tun? „Hallo, Grace. Grace! Grace, hörst du mich?“, fragte Conny laut. Und an Graces Freund gewandt: „Was jetzt Kevin?“

Okay, warte, du musst sie jetzt anfassen und schütteln, oder?“, ergänzte er. „Beug dich runter und pack sie an den Schultern.“

Conny schüttelte Grace und umfasste den Kopf ihrer Freundin. „Grace. Hörst du mich? Wach auf.“ Grace reagierte nicht. „Kevin?“

Ja, kein Plan. Vielleicht fester.“ Ihr Kumpel kniete sich auch neben das Mädchen. Er rüttelte an ihren Schultern. „Okay Süße, das tut mir jetzt echt Leid...“, entschuldigte er sich. Dann schlug er ihr mit etwas Kraft ins Gesicht. Seine Freundin reagierte immer noch nicht. „Scheiße. Conny, hast du ein Handy?“

Conny nickte.

Gut, ruf den Krankenwagen. Schnell, bitte. Oh Grace, ey. Wach auf..!“

Conny sprang auf und fischte ihr Handy aus der Reithose. Mit leicht zitternden Fingern drückte sie die Tasten. „Eins eins zwei – oder?“ Kevin nickte. Vorsichtig küsste er Grace auf die Wange, die er eben noch geschlagen hatte. Dann überlegte er, während Conny zum Telefonieren einige Meter weit weg ging.

Was jetzt, Darling, was jetzt. Atmest du noch?“ Er beugte sich runter, zum Kopf des Mädchens und streckte ihn etwas nach hinten. Da sie nur leicht bekleidet war – Grace trug ein magentarotes Top – konnte er gut sehen, ob sich ihr Brustkorb hob und senkte. Doch das tat dieser nicht. Kevin spürte keine Bewegung und keinen Luftzug. Grace war wie tot. „Schitte, Grace. Schitte. Was jetzt? Dieses Lungen-Herz-Viech da ... wie war das noch mal? Staying alive. A-a-a-a-a, stayin' alive... dreißig zu drei oder so? Ach egal, Darling, ich lasse es nicht zu, gebrochene Rippen und lebende Grace ist besser als andersrum.“

Dann fing er an. Kevin überstreckte den Kopf seiner Freundin, küsste sie sacht auf die Wange und setzte seine Handballen am unteren Drittel des Brustbeins an. Während er leise „Staying alive“ sang, zählte er dreißig Herzdruckmassagen und setzte dann zu drei Atemzügen an. Vorsichtig, wie bei einem sanften Kuss, legte er seine Lippen auf ihre und hielt ihr die Nase zu. Er versuchte ihr das Leben wieder einzuhauchen, wie einst Gott Adam seinen Atem schenkte, um ihm so das Leben zu geben. Dann machte er weiter.

Einige Zeit später kam Conny wieder. Sie hockte sich neben Graces leblosen Körper und Kevin, der alles für Grace gab.

Dass du dich daran erinnerst... Oh Kevin“, meinte Conny mit einer tonlosen Stimme. Sie scheufzte.

Kevin unterbrach für einen Moment seine Tätigkeit und legte ihr den Arm um die Schulter. „Alles gut. Ich weiß auch nicht was wir tun sollen – ich tu einfach irgendwas, das sich einigermaßen richtig anfühlt. Ich, ich hab auch keine Ahnung, Conny. Ich vertrau einfach darauf, dass der Krankenwagen gleich kommt.“ All dies sagte er mit einer Gelassenheit, die nun völlig unerwartet kam. Woher hatte er nun diese Ruhe? War es Grace, die sie ausstrahlte?

Okay. Ich helf dir. Dann mach ich die Massage.“ Kevin rückte zur Seite und Conny machte sich daran, mit ihrem Gewicht auf das Brustbein ihrer besten Freundin zu drücken, dreißig mal. Mit einer fremden Energie hielt sie durch, bis Kevin Grace den Atem spendete. Schweigend und voller Konzentration versuchten sie unermüdlich dieses eine Leben zu retten.

 

 

Mit Blaulicht und Martinshorn traf der Krankenwagen auf dem Hof des Pferdestalls ein. Die sichtlich erschreckten Pferde wieherten laut und Conny sprang auf, um den Sanitätern den Weg zu zeigen. Es waren zwar nur um die drei Minuten vergangen, aber Conny und Kevin kam es vor wie eine Ewigkeit.

Darling, gleich sind sie da, es wird alles wieder gut“, redete Kevin mehr sich selbst, als Grace ein.

Conny lief hastig über den Hof auf den Krankenwagen zu. „Hier, hier! Bitte, kommen Sie. Grace liegt dort hinten, bei der Weide.“

Mit einer geübten Bewegung öffneten die Sanitäter die Türen des Wagens und holten eine Trage hervor. Dann nickten sie Conny zu und diese lief eilig zurück zu der Stelle vor der Weide, wo Grace immer noch im Gras lag und wo Kevin immer noch dabei war sie zu reanimieren.

Okay Junge, das hast du echt gut gemacht. Geh mal eben ganz kurz zur Seite, ja, genau so“, sagte einer der Sanitäter. Er und sein Kollege legten die Trage neben das Mädchen auf den Boden und zusammen mit einem dritten Kollegen beförderten sie sie darauf. Dann klappten sie das Gestell mit den Rollen aus und versuchten Grace über den Rasen zu schieben, was auch sehr gut klappte. Auf dem gepflasterten Weg zum Hof kamen sie allerdings noch besser voran.

Als die Sanitäter Grace mit zum Krankenwagen nahmen, sah Kevin Conny an. Er kämpfte mit den Tränen. Und auch vor Connys Gesicht verschwammen die Bilder. Kevin legte seinen Arm um Connys Schultern und sie legte den ihren um seine Hüfte. „Jetzt, wo sie da sind, zerbricht alles“, flüsterte Conny. Kevin nickte. Die beiden gingen auch zurück auf den Hof zum Wagen.

Ein weiterer Sanitäter begrüßte sie dort. Er gab ihnen etwas zu trinken und lud sie dazu ein, sich mit ihnen in den Krankenwagen zu setzen und mit zu fahren, um Grace zu begleiten. Außerdem lobte er sie, dass sie so verantwortungsvoll gehandelt hätten, viel besser als es viele andere in einer solchen ungewohnten und stressigen Situation getan hätten.

Die beiden stiegen ein und setzten sich auf zwei Sitze neben Grace und den Sanitätern, die sich um diese kümmerten.

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